14. November 1938

[381114–2-1, Post­kar­te]

O., am 14. Nov. 1938.

Lie­ber [Roland]!

Ich dan­ke Ihnen herz­lich für Ihren Brief und die lie­ben Grü­ße, die ich heu­te erhielt. Die Freu­de war dop­pelt groß, als Sie mir sogar schrift­lich bestä­tig­ten, daß Sie mei­ner ges­tern flei­ßig gedach­ten. Neh­men Sie dies als Gegen­leis­tung! Ich möch­te bei Ihnen kei­ne Sor­ge auf­kom­men las­sen — bit­te, gedul­den Sie sich, am Mitt­woch schrei­be ich Ihnen aus­führ­lich. Es ist fast 7.00 und ich en[td]eckte, als ich heim­kam, im Brief­kas­ten die drin­gen­de Ein­la­dung zur Sing­stun­de. Am Sonn­tag will er sin­gen lasse[n] u. seit ich zuletzt bei Ihnen war, hat­ten wir kei­ne Stun­de wie­der. Eigent­lich geschä­he ihm recht, wenn wir ihn auch mal sit­zen lie­ßen. Doch ich bring’s nicht fer­tig, das Pflicht­be­wußt­sein regt sich immer; bei dem jet­zi­gen Zustand kommt es auf jeden an, daß sich der Zusam­men­halt des Ver­eins wenigs­tens nach außen hin erhält. Ich muß Ihnen das erzäh­len. Und mor­gen bin ich g[e]rad[‘] im Krän­ze die Gast­ge­be­rin, ich möch­te den Mädels nicht absa­gen. Ges­tern war ich mit den Eltern spa­zie­ren. Sie wer­den nicht bös[‘] sein, wenn’s dies­mal etwas län­ger dau­ert, ja? Ich wün­sche Ihnen recht fro­he Stun­den mit Ihren Lie­ben, ich den­ke, daß Sie bis Mitt­woch blei­ben.— Nun Schluß, die Zei­len müs­sen noch mit auf den Weg u. mor­gen in Ihren Hän­den sein. Behüt[‘] Sie Gott!

Blei­ben Sie gesund lie­ber [Roland] u. sei­en Sie recht herz­lich gegrüßt von

Ihrer [Hil­de].

10. November 1938

[381110–1-1]

L. am 10. Nov. 1938.

Lie­be [Hil­de]!

Sie dür­fen Ihren Bei­trag zu uns[e]rer Freund­schaft nicht gering ach­ten. Lie­be und Güte sind Tugen­den des Her­zens. Sie sind heu­te so sel­ten. Über­all regiert der kal­te Ver­stand, der Vater des Zwei­fels. Auch ich bin der Lie­be ent­wöhnt. Hart war ich oft gegen mich selbst. Hart macht unser Beruf, auch der Bru­der klagt dar­über. Jah­re­lang schon bin ich auf mich selbst gestellt, ich freun­de mich nicht leicht jeman­dem an, die meis­te Zeit bin ich auf mich selbst ange­wie­sen. Was Wun­der, wenn es mir nicht gleich gelin­gen will, mich einem Men­schen von Her­zen zu wid­men? Las­sen Sie mich nicht so leicht los und ver­za­gen Sie nicht so leicht, wenn ich mich wie­der ein­mal ver­schlie­ße und zurück­zie­he. Lie­be werkt Zutrau­en. Glau­ben Sie, ich hät­te einem lie­be­ar­men, ver­stan­des­küh­len Mäd­chen mei­ne gehei­men Gedan­ken so schlicht und ernst anver­trau­en kön­nen? Nie­mals. In dem Maße, in dem der Ver­stand über den Men­schen Herr­schaft gewinnt, ver­küm­mern Herz und Gemüt. Ich glau­be, daß mein gan­zer Mensch sich ein wenig modelt an der Sei­te einer lie­ben Frau, daß er sich ändert und löst zu sei­nem Gewinn. Wei­ter­le­sen!

07. November 1938*


T&Savatar[
381107–2-1* unvoll­stän­dig]

O., am 7. Novem­ber 1938.

Lie­ber [Roland]!

Wie könn­te ich noch so trau­rig sein wie vori­ge Woche? Bit­te sei­en Sie ganz beru­higt und zuver­sicht­lich. Ich füh­le es, daß ich über­wun­den habe. Ich bin Ihnen so sehr dank­bar für Ihren lie­ben Brief. Daß ich Ihnen so viel Sor­ge machen muß! Sie Armer, die Ein­sam­keit lässt Sie dop­pelt lei­den, und Ihre Umge­bung ruft immer wie­der die Erin­ne­rung an die­se Stun­den wach.

Auch ein­mal ent­flie­hen kön­nen in sein eige­nes klei­nes Reich, vor den quä­len­den Bli­cken and[e]rer — so schön muß das sein. So wie Sie[,] die Gedan­ken nie­der­schrei­ben kön­nen, wie sie mich gera­de zu der Stun­de bewe­gen, in der ich mich mit einem lie­ben Men­schen beschäf­ti­ge; ohne daß ich von neu­gie­ri­gen oder erstaun­ten Bli­cken beläs­tigt wer­de. Danach seh­ne ich mich.

Es ist oft schwer, alle Emp­fin­dun­gen so wirk­lich­keits­na­he im Gedächt­nis auf­zu­be­wah­ren, bis die Stun­de da ist, in der man ein­mal unge­stört alles nie­der­schrei­ben kann.

Weil ich die Ein­sam­keit ent­beh­ren muß, seh­ne ich mich nach ihr. Uns[e]re letz­te Begeg­nung steht immer noch im Mit­tel­punkt des Gesche­hens. Ich möch­te Ihnen so ger­ne erklä­ren hel­fen.

Der Haupt­grund mag wohl sein, daß uns[e]re Ver­bin­dung noch zu zart und jung ist, um allen äußer­li­chen Ein­flüs­sen gewach­sen zu sein. Eine gewis­se Scheu hält uns ein­an­der noch fern, weil wir uns eben noch zu wenig ken­nen und wie Sie schon ganz rich­tig sag­ten, uns ver­bin­den noch zu wenig gemein­sa­me Erleb­nis­se. Die Sicher­heit fehlt. Jetzt kom­me ich dahin, daß ich mir ein­ge­ste­hen muß, im Ver­gleich zu Ihnen bin ich noch ein rech­tes, dum­mes Kind. Es ist kei­ne Ent­schul­di­gung wenn ich sage, daß ich im Ver­kehr mit frem­den Men­schen noch uner­fah­ren bin. Man muß immer, wo man sich auch befin­det, sei­nen Mann ste­hen. Das ist eine Tat­sa­che, mit der man sich in mei­nem Alter längst abge­fun­den haben müß­te.

Ich schä­me mich, wenn Sie sagen, ich sei ganz unschul­dig. Der Schreck über den Besuch und die Angst irgend etwas Dum­mes anzu­stel­len oder zu sagen, was Ihnen zum Nach­teil gerei­chen könn­te, mach­ten mich schüch­tern und schweig­sam.

Ich war dann so bedrückt, als ich zusah, wie Sie und Ihre Ver­wand­ten die Situa­ti­on zu meis­tern ver­stan­den und für mich so unver­fäng­lich wie nur mög­lich zu gestal­ten.

Der Mon­tag­nach­mit­tag — jeden Tag um die glei­che Zeit muß ich dar­an den­ken, Sie sahen nach der Uhr. Das Buch trug Schuld dar­an.—

Ich will Ihnen die Gedan­ken anver­trau­en, die mich in die­sen Tagen nicht mehr los­lie­ßen: Es muß anders wer­den. Es muß irgend etwas gesche­hen, was mich völ­lig her­aus­reißt aus mei­nem bis­he­ri­gen Schaf­fen. Ich müß­te eine Zeit unter ander[e]n Men­schen leben, müß­te Auf­ga­ben haben, denen ich mich mit Hin­ga­be wid­men könn­te. Ich ste­he Ihnen um vie­les nach. Wenn ich auch noch sehr jung bin und Ihnen an Wis­sen nie­mals gleich­kom­men kann. Doch ich müss­te zu Men­schen gehen, bei denen ich mei­ne Unsi­cher­heit able­ge; zu Men­schen die mich das leh­ren, was mich

T&Savatarsm[Brief unvoll­stän­dig]

02. November 1938

[381102–1-1]

L. am 2. Nov. 1938

Lie­be [Hil­de]!

Heu­te ist Mitt­woch, der Wochen­tag, auf den ich mich sonst freue. Um 11 Schul­schluß, und dann kann ich mit mir und Ihnen allein sein. Heu­te habe ich mich gefürch­tet vor die­sem Tag. Der Him­mel ist wie­der grau. Die trü­ben Gedan­ken kom­men wie­der und die böse Erin­ne­rung plagt mich. Nach 12 habe ich eine Vier­tel­stun­de still gelauscht und wur­de etwas ruhi­ger, weil ich den Brief in Ihrer Hand wuß­te. Aber nun kommt die Unru­he wie­der über mich. Ich will mich aus­lau­fen, nach B.. Aber die trü­ben Gedan­ken wer­den mit­ge­hen. Der Gedan­ke macht mich ganz unglück­lich, daß wir die böse Erin­ne­rung erst in 4 Wochen aus­lö­schen sol­len. Wol­len wir uns nicht nächs­ten Sonn­tag tref­fen? Die­ser Gedan­ke nur kann mich trös­ten. Wei­ter­le­sen!

01. November 1938

[381101–1-1]

L. am 1. Novem­ber 1938.

Lie­be [Hil­de]!

Bis zum Sonn­tag kann ich Sie nicht war­ten las­sen. Bei mei­ner Rück­kehr schie­nen die Ster­ne, nach denen Sie auf dem Bahn­hof ver­ge­bens aus­schau­ten, und heu­te ist hel­ler Son­nen­schein. Möch­ten es gute Zei­chen sein! Die dun­kels­ten Schat­ten kom­men da nicht auf. ½ 12 bin ich zu Bett, zu der Zeit, da ich auch Sie zu Hau­se wuß­te. Ich habe gebe­tet, für Sie um Kraft, für mich um Geduld und Zuver­sicht. Dar­auf habe ich bis früh 5 fest durch­ge­schlaf­fen. Mir kom­men die Trä­nen, wenn ich dar­an den­ke, daß ich Sie allein so trau­rig in die dunk­le Nacht muß­te zie­len las­sen, Sie Ärms­te, Gute; daß ich Ihren so schwer ver­dien­ten Urlaub ver­bit­tern muß­te, Sie Armes, Gehetz­tes. Ich war so schwach und mut­los. So schnell konn­te ich ver­ges­sen, daß wir uns doch schon so gut ver­stan­den haben!

Wie konn­te das so kom­men? Wei­ter­le­sen!