Trug und Schein: Ein Briefwechsel

03. Mai 1939

Lucas Cranach d. Ä. 034
Lucas Cra­nach der Älte­rer, Melan­cho­lie, 1532
[390503–2‑1]

O., am 3. Mai 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Unter den vie­len Hän­den, die am Mon­tag den Abrei­sen­den nach­wink­ten, sah ich immer nur eine Hand. Eine lie­be Hand, die ich jetzt ganz fest und dank­bar drü­cken möch­te. Längst schon waren die Lich­ter der Stadt zurück­ge­blie­ben, und ich stand noch immer am Fens­ter und starr­te hin­aus in die Dun­kel­heit, in die der Zug eilig hin­ein­braus­te. Die letz­ten Minu­ten uns[e]res Bei­sam­men­seins erschei­nen mir jedes­mal [sic] wie ein Traum — ich muß eine Wei­le für mich sein, daß ich mich wie­der­fin­de. In die Wirk­lich­keit zurück­fin­den kann ich mich nicht im klei­nen, sti­cki­gen Abteil — den Bli­cken Frem­der aus­ge­setzt. Ein wenig abseits, allein, nur den dunk­len Him­mel über mir will ich sehen, den fri­schen Nacht­wind will ich füh­len und dann diri­gie­re ich mei­ne Gedan­ken über die Weh­mut hin­weg, las­se sie zurück­schwei­fen zu den Stun­den vol­ler Glück und Froh­sinn mit Dir — ich neh­me mein Herz fest in Zügel und schel­te mich inwen­dig unbe­schei­den und auch schwach, wenn mich der Abschied fas­sungs­los macht. Er fällt mir so schwer, Du! Das ein­tö­ni­ge Rat­tern des Zuges erin­nert mich an mei­nen All­tag. Und da hin­ein will ich nur die fro­hen Gedan­ken mit­neh­men, die sol­len ihn über­son­nen bis zum nächs­ten Wie­der­se­hen.

Ach, daß ich Dich zuletzt betrü­ben muß­te, Du, Lie­ber!

Es gibt Stun­den, in denen ich alles dun­kel sehe. Nichts braucht mir von außen her Ver­an­las­sung zu gehen zu sol­chen Gedan­ken. Sie kom­men plötz­lich, neh­men Gestalt an und las­sen mich nicht los. Eine wahn­sin­ni­ge Angst ergreift mich um Dich, daß ich Dich ver­lie­ren könn­te.

Du, [Roland]! Ich lie­be Dich! —

Mei­ne Beschäf­ti­gung nimmt nicht alle Sin­ne in Anspruch. Um mich her nichts als Kin­de­rei und Klatsch, ach Du kannst Dir ja kei­ne Vor­stel­lung machen. Wenn ich selbst auch gern ein­mal mit­tue, so doch alles in Maßen. Am Tage 10 St[un]den unter die­sen Men­schen sein, kann zum Ekel füh­ren. Die Lee­re um mich emp­fin­de ich beson­ders dann, wenn ich mit Dir zusam­men war. Ich den­ke und grüb­le zu viel, das ist nicht recht und bringt auf dum­me Gedan­ken, macht schwer­mü­tig. Wenn bei uns Mäd­chen der jewei­li­ge Gesund­heits­zu­stand in Erwä­gung gezo­gen wer­den muß, so ist das allein doch nicht stich­hal­tig. Wenn man jung und gesund ist, muß man tap­fer sein, sich in der Gewalt haben und die­se kri­ti­sche Zeit über­win­den.

Ich habe zwar selbst schon emp­fun­den, daß manch­mal Gewalt not tut, um die kör­per­li­che Hal­tung zu bewah­ren. Eben­so macht die­se Zeit Ein­druck auf unser See­len­le­ben. Ich ver­mag Dir das nicht völ­lig klar­zu­le­gen; es äußert sich auch bei jedem Mäd­chen auf eine ande­re Art.

Ich selbst bin ein wenig schwer­mü­tig und sehn­süch­tig, hung­rig gestimmt.

Das alles soll aber kei­ne Ent­schul­di­gung sein und Rück­sicht­nah­me erfor­dern für das, was ich Dir tat. Was gesche­hen ist, ist gesche­hen. Ich war trau­rig dar­über, daß ich Dich betrü­ben muß­te. Aber nun bin ich wie­der zuver­sicht­lich. Ich weiß, daß Du mir ver­zei­hen wirst — ich habe in Dei­nen Brie­fen gele­sen, Du! Wie immer, wenn ich ver­zagt und schwer­mü­tig bin, in Dei­nen Brie­fen fin­de ich mich wie­der. In ihnen ist Zuver­sicht und Kraft und die Gewiß­heit, daß Du mich lieb­hast.

Ganz so trost­los wie ein ander­mal mutet mir die Zeit zur nächs­ten Begeg­nung nicht an. Jeden Abend lese ich ein Stück in Dei­nem schö­nen Buche, dann war­tet das and[e]re auf mich. Und dies­mal sehen wir uns, so Gott will, schon so bald wie­der. Unter Dei­ner lie­ben Für­sor­ge lang­te ich wohl­be­hal­ten und ‚pünkt­lich’ in Chem­nitz an, erwisch­te mei­nen O.er Zug und war ¼ 12 daheim. Die Eltern haben auf mich gewar­tet. Zuerst habe ich Dei­nen Brief gesi­chert. Sie haben schön über mich gelacht und mein­ten, daß ich ja am Sonn­abend mit gro­ßer Sehn­sucht erwar­tet wor­den sei. Dann hab ich noch bis­sel erzählt wie schön es war, ihnen den Mund wäss­rig gemacht, als ich von uns[e]rer herr­li­chen Par­tie berich­te­te; dann end­lich sank ich tod­mü­de in mei­nen Kahn. Ges­tern kam auch uns[e]re schö­ne Kar­te an, wur­de mit Freu­de und Dank begrüßt. Und mit dem Stem­pel ist alles prompt so ver­lau­fen, wie wir annah­men. Gesund­heit­lich will ich nicht kla­gen, her­aus­ge­stellt hat sich nichts, sei ganz unbe­sorgt. Nur tüch­tig matt bin ich noch, doch das ist bald vor­über und der Hus­ten hat sei­ne Zeit. Über die Bil­der sollst Du zuerst urtei­len. Ich muß heu­te an Dich schrei­ben, Du! Ich kann Dich nicht bis zum Sonn­tag war­ten las­sen. Aber dies soll für heu­te genug sein. Wie geht es Dei­ner klei­nen Freun­din? Bit­te, grüß sie alle von mir. Bist auch Du wie­der gut daheim gelan­det? Behü­te Dich Gott, mein lie­ber [Roland]! Sei wie­der froh und zuver­sicht­lich, ver­traue mit mir.

Ich hab Dich lieb! Ich küs­se Dich, Du! Liebs­ter!

T&SavatarsmDei­ne [Hil­de].

Die Eltern sen­den Dir recht herz­li­che Grü­ße.

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03. Mai 1939

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