Darstellung des Briefwechsels

1. KorrespondentInnen

1.1. Hilde

Hil­de po­sie­rend, bei Ro­land zum Be­such, Ende No­vem­ber 1940, Eckern­för­de.

Hil­de Lau­be wur­de 1920 in eine Ar­bei­ter­fa­mi­lie in ei­nem länd­li­chen Dorf in Sach­sen hin­ein­ge­bo­ren. Sie ar­bei­te­te ein Jahr als Haus­an­ge­stell­te, dann in ei­nem Tri­ko­ta­gen-​Werk. Sie kann­te Ro­land aus der Kan­to­rei in O., ist so­gar der Sing­ge­sell­schaft bei­ge­tre­ten, um ihm nä­her zu sein, je­doch hat sie bis Mai 1938 nur ei­ni­ge Mal di­rekt mit ihm ge­spro­chen. Nach­dem Ro­land aus O. um­zie­hen muß­te, schrieb Hil­de Ro­land ei­nen Brief (am 4. Mai 1938), in dem sie ihre ge­hei­me Lie­be of­fen­bar­te. Der Brief­wech­sel be­zeugt Hil­de als star­ke, mu­ti­ge, ehr­gei­zi­ge und ro­man­ti­sche Frau, die mehr vom Le­ben woll­te. Sie war eine gott­gläu­bi­ge Chris­tin, und wenn sie wo­mög­lich in po­li­ti­schen Fra­gen gut­gläu­big war, so stell­te sie doch auch kri­ti­sche Fra­gen zu wich­ti­gen The­men des Zeit­ge­sche­hens. 

1.1.2. Roland

Ro­land, wäh­rend Hil­des Be­such, Ende No­vem­ber 1940, vor der Miet­woh­nung, Eckern­för­de.

Ro­land wur­de 1907 in eine bür­ger­li­che Fa­mi­lie in ei­nem länd­li­chen Dorf in Sach­sen hin­ein­ge­bo­ren. Nach­dem er ein Mu­sik­stu­di­um auf­ge­ge­ben hat­te, ar­bei­te­te er als Dorf­leh­rer in O. Im Früh­jahr 1938 wur­de Ro­land nach L. in Sach­sen ver­setzt, an­geb­lich weil er sich nicht aus­rei­chend in der NSDAP ein­setz­te. Um die Zeit war er der Par­tei bei­ge­tre­ten. Ro­land war ein sehr zu­rück­ge­zo­ge­ner Mensch, der nur ei­ni­ge männ­li­che Freun­de und we­nig Kon­takt zu Frau­en hat­te. Am liebs­ten war er al­lein zu Hau­se oder in der Na­tur. Bis Hil­de ihn an­schrieb dach­te er le­bens­lang Jung­ge­sel­le zu blei­ben. Bil­dung war ein we­sent­li­cher Be­stand­teil sei­nes Selbst­bil­des.

2. Zeiträume des Briefwechsels

2.1. Bekanntschaft

Zwi­schen dem 05. und 12. 1938 lern­ten Hil­de und Ro­land sich ken­nen. Sie siez­ten sich noch und tra­fen sich ei­ni­ge mal im Ge­hei­men, um die jun­ge Be­zie­hung vor frem­den Bli­cken zu schüt­zen.

2.2. Brautwerbung

Hil­de und Ro­land, vor der Kir­che, Hoch­zeits­bild, 07.1940

Zwi­schen Ja­nu­ar 1939 und Juli 1940 teil­ten Hil­de und Ro­land ih­rer Be­zie­hung all­mäh­lich den El­tern, Freun­den und Nach­barn mit. Sie duz­ten sich nun, ent­wi­ckel­ten eine ei­ge­ne Spra­che in der Be­zie­hung und tausch­ten Ko­se­wor­te aus. Die Sehn­sucht nach kör­per­li­chem Kon­takt wur­de zu­neh­mend zur Her­aus­for­de­rung. Bei­de zo­gen zu die­ser Zeit um: Hil­des Fa­mi­lie in eine grö­ße­re Woh­nung, Ro­land auf­grund ei­ner neu­en Stel­le. Ihre an­ste­hen­de Hoch­zeit wur­de im Früh­ling 1940 kund­ge­ge­ben und fand schließ­lich am 13. Juli 1940 statt. Kurz zu­vor gab Hil­de ihre Ar­beits­stel­le auf.

2.3. Militärische Ausbildung

Zug­ka­me­ra­den“, Ro­lands Ver­ei­dung, Kiel, 03.09.1940.

Das kurz­fris­tig ein­ge­stell­te Brief­wech­sel wur­de im Au­gust 1940 wie­der auf­ge­nom­men, als Ro­land in die Wehr­macht ein­be­ru­fen wur­de. Er wur­de in Schleswig-​Holstein zum Maat aus­ge­bil­det, um als Schrei­ber bei der Kriegs­ma­ri­ne zu die­nen. Ende No­vem­ber 1940 konn­ten Hil­de und Ro­land sich in ei­nem klei­nen Dorf in der Nähe von Kiel auf Ur­laub tref­fen.

2.4. Militärische Einsätze

Ro­lands Ka­me­rad in Uni­form, nähe Thes­sa­lo­ni­ki, Grie­chen­land, April 1941.

In den bis­her ver­öf­fent­lich­ten Brie­fen wur­de Ro­lands zu­nächst 1941 nach Plov­div in Bul­ga­ri­en ver­setzt und schließ­lich nach Thes­sa­lo­ni­ki in Grie­chen­land, wo er auch 1942 noch sta­tio­niert war. Hil­de wohn­te durch­gän­gig in ei­nem Dorf in Sach­sen.

2.5. Bisher unveröffentlichte Briefe

Ro­land dien­te der Kriegs­ma­ri­ne bis Ende des Krie­ges, wo er dann von der Ro­ten Ar­mee ge­fan­gen ge­nom­men wur­de. Der Brief­wech­sel en­det erst als er im Fe­bru­ar 1947 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu Hil­de zu­rück­kehr­te.

3. Überlieferung

Das Brief­wech­sel ver­blieb und bleibt im pri­va­ten Be­sitz der [Nord­hoff] Kin­der. Hil­de hat­te die Brie­fe nach dem Krieg in 24 Ak­ten­ord­nern auf­be­wahrt. Sie sind nur teil­wei­se num­me­riert. 2012 hat sich die Fa­mi­lie ent­schie­den, den ge­sam­ten Brief­wech­sel für ein Pu­blic Histo­ry Pro­jekt zur Ver­fü­gung zu stel­len, je­doch un­ter der Be­din­gung der Ein­hal­tung größt­mög­li­cher“ An­ony­mi­tät.

3.1 Umfang

Das Brief­wech­sel be­inhal­tet ca. 4000 Brie­fe, inkl. ei­ni­ge Post­kar­ten, Te­le­gram­me und Gruß­kar­ten. Die Brie­fe ha­ben eine Län­ge von 1 bis 12 Sei­ten, wo­bei die längs­ten oft zwei oder gar drei ver­schie­de­ne Brie­fen um­fas­sen. Die über­wie­gen­den Brie­fe um­fas­sen 4 bis 7 Sei­ten. Der Zahl der bis­her ver­öf­fent­lich­ten Brie­fen pro Jahr bzw. pro Mo­nat ist im Ar­chiv“ (lin­ke Spal­te) ab­zu­le­sen.

3.2. Laufzeiten

Wäh­rend der Frie­dens­zeit dau­er­te es we­ni­ge Ta­gen bis ein Brief den Brief­part­ner er­reich­te. Hil­de und Ro­land ha­ben die­se Lauf­zei­ten ge­nau aus­ge­rech­net und auf die Brie­fen mit gro­ßer Auf­re­gung ge­war­tet.

Wäh­rend des Krie­ges wa­ren die Lauf­zei­ten et­was län­ger. Ende Juli bei­spiels­wei­se be­nö­tig­te ein Brief von Hil­de an Ro­land in der Re­gel sechs Tage: Ganz schnell und re­gel­mä­ßig kommt Dein lie­ber Bote jetzt zu mir, braucht nur 6 Tage“ [410722-​1-​1]. Die glei­che Zeit, 5 Tage, manch­mal auch län­ger“ [410723-​2-​1], be­nö­tig­ten die Brie­fe von Ro­land nach Sach­sen.

3.3. Schreibhäufigkeit

Wäh­rend der Be­kannt­ma­chung bzw. Braut­wer­bung schrie­ben Ro­land und Hil­de sich sehr re­gel­mä­ßig je­weils ein­mal pro Wo­che. Die Fre­quenz er­höh­te sich wäh­rend Ro­lands mi­li­tä­ri­scher Aus­bil­dung und sei­nen Ein­sät­zen auf ein- oder so­gar zwei­mal pro Tag, wo­bei die Kor­re­spon­den­ten ab und zu auch ei­nen Tag Pau­se ma­chen muss­ten, wenn sie zu be­schäf­tigt wa­ren.

Es ent­stan­den we­ni­ge län­ge­re Un­ter­bre­chun­gen im Brief­wech­sel, grund­sätz­lich nur we­gen Krank­heit oder dann, wenn sie sich wie wäh­rend des Front­ur­laubs tra­fen, ge­mein­sam reis­ten, und di­rekt nach dem Hoch­zeit, als Hil­de und Ro­land für we­ni­ge Wo­chen als Ehe­paar zu­sam­men­leb­ten.

3.4. Briefbeilagen

Be­reits wäh­rend der Braut­wer­bung tau­sche das Paar auch Bil­der, Ge­schen­ke und Do­ku­men­te mit dem Brief­wech­sel aus. Nach­dem Ro­land ein­be­ru­fen wur­de, sand­te er sei­ne Wä­sche zu Hil­de und sie ver­sen­de­ten schwer zu fin­den­de bzw. ra­tio­nier­te Gü­ter in Pa­ke­ten. Die­se Bei­la­gen setz­ten sich im Krieg fort. Von Bul­ga­ri­en ver­sen­de­te Ro­land wie­der­holt auch Ne­ga­ti­ve von Fo­to­gra­fi­en an Hil­de, die die­se an ih­rem Hei­mat­ort ent­wi­ckeln ließ [z. B. 410416-​2-​1]. Die ent­wi­ckel­ten Bil­der lei­te­te Hil­de zu­dem an die Ehe­frau­en je­ner Sol­da­ten wei­ter, mit de­nen Ro­land sta­tio­niert war [z. B. 410609-​2-​1]. Die­se Bil­der ver­öf­fent­li­chen wir mit­un­ter im Blog bei pas­sen­den Brie­fen. Hil­de wie­der­um schick­te Ro­land mit­un­ter Bar­geld an Ro­lands Stütz­punkt [z. B. 410611-​2-​1].

4. Qualität der Briefe

4.1 Schreibmittel

An­fangs hat das Paar gu­tes, so­gar duf­ten­des, Schreib­pa­pier aus­ge­sucht. Die Pa­pier­qua­li­tät ver­schlech­ter­te sich aber wäh­rend des Krie­ges.

Aus­schnitt aus dem Brief mit ro­ten Mar­kie­run­gen und ei­nem Pa­pier­loch

 

Um die Brie­fe in Ak­ten­ord­nern zu sam­meln, muss­te Hil­de Lö­cher in den Brie­fe stan­zen. Des­we­gen sind an die­sen Stel­len ei­ni­ge Buch­sta­ben nicht mehr sicht­bar, aber nur in we­ni­gen Fäl­len ist das Wort dann nicht zu ent­zif­fern.

 

 

Aus­zug aus dem Brief mit über­mä­ßi­ger Tin­te

Der über­wie­gen­de Teil der Brie­fe wur­de mit Tin­te ge­schrie­ben, mit­un­ter ver­wand­te Ro­land auf Rei­sen ei­nen Blei­stift. Be­son­der­hei­ten wie Ver­schmut­zun­gen oder Un­gleich­mä­ßig­kei­ten der Tin­te sind so weit wie mög­lich mit Ab­bil­dun­gen aus dem Brief wie­der­ge­ge­ben.

4.2 Schrift

Die Brie­fe zwi­schen Hil­de und Ro­land sind alle hand­schrift­lich ver­fasst. Be­son­ders wäh­rend der ers­ten Be­kannt­schaft schrie­ben Hil­de und Ro­land sehr for­mell und häu­fi­ger in Hoch­deutsch. Die Brie­fe wa­ren vor­sich­tig und of­fen­sicht­lich nach ei­ner oder so­gar meh­re­ren Fas­sun­gen ver­fasst. Schon vor Ro­lands mi­li­tä­ri­scher Aus­bil­dung schrie­ben sie viel schnel­ler, in­for­mel­ler und emo­tio­na­ler.

Briefauszug, Zwei Handschriften
Brief­aus­zug, Zwei Hand­schrif­ten

In den ers­ten Jah­ren wur­den die Un­ter­schei­de in ih­rem Schrift­bild ab und zu zum The­ma. Ro­land schrieb meis­tens in deut­scher Kur­r­ent­schrift, ab und zu (in den Jah­ren 1938-​39) in Süt­ter­lin (so­gar im glei­chen Brief, s. oben). Hil­de ver­fass­te ihre Brie­fe in ei­ner humanistischen/​lateinischen Schreib­schrift (un­ten).

Aus­zug aus dem Brief 380520-​2-​1

Ins­be­son­de­re sieht man eine Ver­än­de­rung im Schrift­bild von Ro­land wäh­rend des Krie­ges, als er ent­spann­ter, frei­er und schnel­ler schrieb. Sein Hand wur­de nach­läs­sig, wenn er ge­trun­ken hat­te.

Aus­zug aus dem Brief mit un­ter­schied­li­chen Schrift­gros­sen.

 

Im Lau­fe der Braut­wer­bung hat­ten die bei­den ei­nen ge­hei­men Schrift­code ent­wi­ckelt, wo­bei sie klei­ner ge­schrie­ben ha­ben, wenn sie In­ti­mi­tä­ten aus­tausch­ten, als wür­den sie da­bei flüs­tern.

 

Aus­zug aus dem Brief, Ver­än­de­rung der Schrift­gro­ße.

 

Sie schrie­ben mit grö­ße­ren Buch­sta­ben, wenn sie die Stär­ke ih­rer Ge­füh­le zum Aus­druck brin­gen woll­ten.

 

Ver­än­de­run­gen im Schrift­bild wur­den im Blog so weit wie mög­lich durch An­pas­sung der Schrift­grö­ße (10pt bzw. 14pt) oder durch Ein­fü­gen von Ab­bil­dun­gen wie­der­ge­ge­ben.

4.3 Sprache und Orthographie

Bei­de Ver­fas­ser ver­such­ten am An­fang ih­rer Be­zie­hung viel Hoch­deutsch zu ver­wen­den. Schon wäh­rend der Braut­wer­bung be­gan­nen sie mehr und mehr zu schrei­ben wie sie spra­chen, also mit Dia­lekt und Idio­lekt.

Bei­de ver­wen­de­ten ty­pi­sche Wort­wen­dun­gen aus der säch­si­schen und bayerisch-​österreichischen Mund­art, Hil­de je­doch häu­fi­ger als Ro­land. Bei­de ver­wen­de­te auch da­mals be­reits ver­al­te­te Wor­te aus dem Hoch­deut­schen,  Ro­land mehr als Hil­de. Fremd­wor­te aus dem Eng­li­schen, Fran­zö­si­schen, oder Grie­chi­schen kom­men eben­falls ge­le­gent­lich in den Brie­fen vor.

Die Zei­chen­set­zung der Zeit folg­te we­ni­ger fes­ten Re­geln als die heu­ti­ge Recht­schrei­bung. Aus­ser­dem wur­den oft­mals Wor­te ab­ge­kürzt, ins­be­son­de­re wenn in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar ge­schrie­ben wur­de, wie z.B. ich hab“, ich wär“. Zeit­ge­mäss wur­den auch ei­ni­ge Wor­te zu­sam­men­ge­schrie­ben, wie wie­viel“, gar­nicht“. Häu­fig kom­men Di­mi­nu­ti­ve vor, wenn dies der Mund­art ent­sprach: z.B. Wei­bel“.

4.4. Abkürzungen

Hil­de und Ro­land ver­wen­de­ten fol­gen­de Ab­kür­zun­gen und Zei­chen:

Zeit­ge­nös­si­sches Pfund­sym­bol im Hil­des Brief.

km = Ki­lo­me­ter

M. = Mark

Pf. = Pfen­nig

℔ = Pfund

u. = und

usw. = und so wei­ter

Auch In­sti­tu­tio­nen des Drit­ten Rei­ches kürz­ten sie ab:

NSDAP = Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Ar­bei­ter­par­tei

NSV = Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Volks­wohl­fahrt

SS = Schutz­staf­fel

4.5. Kosenamen

Wäh­rend der Braut­wer­bung ent­wi­ckel­te das Paar eine Rei­he von Ko­se­na­men.

Hil­des Ko­se­na­men für Ro­land:  Hubo“, Di­cker­le“, und Män­ner­li“.

Ro­lands Ko­se­na­men für Hil­de:  Hol­de“, Wei­bel“, Das Mäd­chen vom Wes­ten“.

Bei­de ge­gen­sei­tig: Her­zelein“, Herz­lieb“, Herz­al­ler­liebs­ter“.

Hil­de nann­te ihre El­tern Mutsch“ und (we­ni­ger häu­fig) Pappsch.“

4.6. Zeichnungen

Aus­zug aus dem Brief, mit Kuss­zeich­nung

Hil­de füg­te klei­ne Zeich­nun­gen in ihre Brie­fe ein, um ei­nen rhe­to­ri­schen Punkt dar­zu­stel­len (zB oben). Ro­land füg­te ab und zu grö­ße­re Zeich­nun­gen ein, um Hil­de ein Bild sei­ner Le­bens­welt zu ge­ben (zB un­ten). Die­se sind je­weils im Blog ab­ge­bil­det.

Un­ser Jo­hann,“ Zeich­nung von Ro­land, Aus­zug aus dem Brief.

5. Zensur und Selbstzensur

5.1. Äußere Zensur

Das Brief­ge­heim­nis im Deut­schen Reich wur­de be­reits durch die Ver­ord­nung zum Schutz von Volk und Staat im Fe­bru­ar 1933 de fac­to abgeschafft.[1] Auf­grund des ho­hen Brief­auf­kom­mens war eine flä­chen­de­cken­de Zen­sur je­doch kaum mög­lich. Die Feld­post ver­füg­te über ei­ge­ne Zens­ur­stel­len und auch die Aus­lands­post wur­de spä­tes­tens seit dem deut­schen Über­fall auf Po­len von spe­zi­el­len Stel­len, den Aus­lands­brief­prüf­stel­len, kontrolliert.[2] Ge­gen­über dem Zoll, der auf amt­li­che Öff­nun­gen hin­wies, wa­ren de­ren Brief­kon­trol­len für die Kor­re­spon­denz­teil­neh­mer nicht ersichtlich.[3] Ob ihre Brie­fe von der Zen­sur ge­öff­net wur­den und ob dies eine Ge­fahr für sie dar­stell­te, wur­de von Ro­land und Hil­de nach der Ein­be­ru­fung Ro­lands ver­schie­dent­lich brief­lich the­ma­ti­siert.

Ein­ge­bet­tet in eine all­ge­mei­ne Schil­de­rung über den Paket- und Post­ver­kehr schrieb Ro­land: Ich glau­be, bis jetzt ist von uns[e]rer Post noch nichts ver­lo­ren ge­gan­gen. In Bülk be­klag­ten et­li­che Ka­me­ra­den den Ver­lust ge­ra­de von Freß­pa­ke­ten. Manch­mal wer­den auch Brie­fe zur Kon­trol­le ge­öff­net. Sie sind dann mit ei­nem Stem­pel ver­se­hen. Na weißt, wenn sie da so ei­nen ohne je­den Zu­sam­men­hang von uns er­wi­schen  ? ? was wer­den sie da so den­ken. Lie­bes­leu­te! Sind wir ja auch, Du!“ [401108-​1-​1] Auch Hil­de sah in ei­nem even­tu­el­len Öff­nen ih­rer Brie­fe kei­ne Ge­fahr für sich und Ro­land: Und was drin steht? Ach, daß ich Dich so lieb habe, das dür­fen alle wis­sen, da schä­me ich mich gar­nicht! Und mei­ne Ver­mu­tun­gen in Be­zug auf Dei­nen nun­meh­ri­gen Auf­ent­halts­ort? Die sind ja so harm­lo­ser Art, sind ja kei­ne An­ga­ben mi­li­tä­ri­scher Stütz­punk­te! Sind ja nur die ban­gen Fra­gen ei­ner Lie­ben­den, die sich sorgt“ [410322-​2-​1].

Aus­zug aus dem Brief mit Hil­des Zeich­nung ei­nes Feld­post­stem­pel

Im wei­te­ren Kriegs­ver­lauf wur­den ge­öff­ne­te Brie­fe wei­ter­hin in der Kor­re­spon­denz er­wähnt: Als heu­te früh Dei­ne zwei Bo­ten ka­men, da klopf­te mir ja das Herz so sehr! Ei­ner war wie­der ge­öff­net“ [410801-​2-​1]. Er­neut sah Hil­de aber kei­ne Ge­fahr durch die Brief­über­wa­chung. Sie ver­such­te je­doch, die Ver­fah­rens­wei­sen und Be­din­gun­gen zu er­grün­den. Ei­ni­ge Zei­len spä­ter schrieb sie: Den­ke nur, der Brief war ge­öff­net und nichts, rein gar­nichts durch­ge­stri­chen!! Da­bei steht doch wie­der Sa­lo­ni­ki da! Sind es doch nicht im­mer die­sel­ben Per­so­nen, die da öff­nen. Aber är­gern tut’s mich trotz­dem, daß Dei­nen lie­ben Bo­ten schon vor­her je­mand las! Wo er doch ganz al­lein für mich be­stimmt ist, ja“ [410801-​2-​1]. Die Zen­sur bot Hil­de fer­ner eine Er­klä­rung für das ver­spä­te­te Ein­tref­fen des Brie­fes, um des­sen Ver­bleib sie sich be­reits Sor­gen ge­macht hat­te [410801-​2-​1].

Nicht im­mer ist ein­fach zu ent­schei­den, war­um be­stimm­te The­men in den Brie­fen nicht an­ge­spro­chen wer­den. Ro­land äu­ßer­te als Sol­dat in sei­nen Brie­fen ver­schie­dent­lich Kri­tik an den Vor­ge­setz­ten, schrieb aber auch: Et­li­che von den Vor­ge­set­zen ha­ben es na­tür­lich fer­tig­ge­bracht, die stren­ge [Urlaubs]Sperre zu durch­bre­chen. Sie ge­ben da­mit der Mann­schaft das rech­te Leit­ziel der Ka­me­rad­schaft und des tap­fe­ren Durch­hal­tens! Oh, Herz­lieb! Bei den Sol­da­ten gibt es gar ver­schie­de­ne Sor­ten von Men­schen! Aber dar­über mag ich mich hier nicht aus­las­sen!“ [410710-​1-​1] Ob Ro­land die Zens­ur­stel­le der Feld­post fürch­te­te oder sei­nen Brief nicht mit ne­ga­ti­ven The­men be­las­ten woll­te, lässt sich nur schwer ent­schei­den und zeigt die Ver­wo­ben­hei­ten von äu­ße­rer und in­ne­rer Zen­sur.

5.2.     Selbstzensur

Ne­ben der äu­ße­ren Zen­sur durch ver­schie­de­ne In­sti­tu­tio­nen be­ein­fluss­ten auch ver­schie­de­ne For­men der Selbst­zen­sur die Brie­fe von Ro­land und Hil­de. Ins­be­son­de­re zu den Brie­fen an und von der Kriegs­front ver­mit­tel­te die NS-​Regierung in ih­rer Pro­pa­gan­da prä­zi­se Nor­men und Wer­te. Auf die­se nor­ma­ti­ven Er­war­tun­gen nahm auch Hil­de in ih­ren Brie­fen Be­zug, wo­bei sie sich mit­un­ter auch da­von ab­grenz­te. Als sie Ro­land ein­mal aus­führ­lich von fa­mi­liä­ren Strei­te­rei­en schreibt, schließt sie den Be­richt: So et­was ge­hört nicht in ei­nen Brief, der an un­se­re lie­ben Sol­da­ten ge­schickt wird. Aber trotz­dem ich das weiß – ich konn­te sie Dir nicht vor­ent­hal­ten[,] ich mußt mich bei Dir an­leh­nen, mußt es Dir er­zäh­len – es ging doch um uns bei­de, Du“ [401226-​2-​1].

[1] Klaus Lat­zel, Wehr­machts­sol­da­ten zwi­schen Nor­ma­li­tät‘ und NS-​Ideologie, oder: Was sucht die For­schung in der Feld­post, in: Rolf-​Dieter Mül­ler, Hans Erich Volk­mann, Die Wehr­macht. My­thos und Rea­li­tät, Mün­chen 1999, S. 574-​588, S. 574. Ver­ord­nung des Reichs­prä­si­den­ten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933, in: Reichs­ge­setz­blatt 17/​1933, S. 83.

[2] Ben­ja­min Zie­mann, Feld­post­brie­fe und ihre Zen­sur in den zwei Welt­krie­gen, in: Klaus Bey­rer, Hans-​Christian Täub­rich, Der Brief. Eine Kul­tur­ge­schich­te der schrift­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, Hei­del­berg 1996, S. 163-​171, S. 164f.

[3] Tho­mas Schil­ler, NS-​Propaganda für den Ar­beits­ein­satz‘. La­ger­zei­tun­gen für Fremd­ar­bei­ter im Zwei­ten Welt­krieg, Ent­ste­hung, Funk­ti­on, Re­zep­ti­on und Bi­blio­gra­phie, Ham­burg 1997, S. 126f.