Chronik pro Monat

1938

Ge­schrie­ben von Si­mon Pott­hast (West­fä­li­sche Wilhelms-​Universität Müns­ter, Lehr­amt Ge­schich­te, 06.2016)

Hilde und Roland, während Hildes Besuch, Ende November 1940, Eckernförde.
Hil­de und Ro­land, wäh­rend Hil­des Be­such, Ende No­vem­ber 1940, Eckern­för­de.

Mai 1938

Am 4. Mai 1938 fängt Hil­de Lau­be ein Brief­wech­sel mit Ro­land Nord­hoff an. Sie kennt ihn aus der Kan­to­rei in O., hat so­gar die Ge­sell­schaft an­ge­tre­ten, um ihm nä­her zu sein. Nach­dem ein per­sön­li­ches Tref­fen nicht zu­stan­de kommt, of­fen­bart Hil­de Ro­land ihre Lie­be, was ihn er­schüt­tert und auf­wühlt. Die bei­den be­spre­chen ihre Un­zu­frie­den­heit mit dem Leben—in der Hei­mat in O. und jetzt für Ro­land in L. Sie er­zäh­len ein­an­der von ih­ren ver­zwei­fel­ten Wün­schen, ihre Ho­ri­zon­te zu er­wei­tern und die wah­re Lie­be zu fin­den, auch was sie von der Lie­be hal­ten so­wie von ih­rem Glau­ben an Gott. In ih­ren Brie­fen spre­chen sie auch über den Klas­sen­un­ter­schied zwi­schen ih­nen: er ar­bei­tet in L. als Leh­rer, wäh­rend sie in O. in ei­nem Tri­ko­ta­gen­ge­schäft arbeitet—vorher ar­bei­te­te sie so­gar im Haus­halt ih­res Chefs. Für ihn stammt sie aus finanz- und bil­dungs­schwa­chen Ver­hält­nis­sen. Hil­des Va­ter ist kriegs­ver­sehrt, ar­bei­tet schwer, und ver­nach­läs­sigt das Fa­mi­li­en­le­ben; Be­din­gun­gen, un­ter de­nen Hil­des Mut­ter kon­ti­nu­ier­lich lei­det. Hil­de sieht in der Tat­sa­che, dass sie Ro­land nicht eben­bür­tig” sei, ein un­über­brück­ba­res Hin­der­nis für eine Be­zie­hung. Ro­land selbst war al­ler­dings auch nicht da­mit zu­frie­den, nur ar­mer Schul­meis­ter” zu sein. Auch er wünscht sich ei­nen bes­se­ren Be­ruf, eine Ehe­frau, und Kin­der. Da­durch fan­gen sie an, sich ganz vor­sich­tig ein­an­der in ih­ren Brie­fen zu of­fen­ba­ren und ken­nen­zu­ler­nen. Sie be­gin­nen auch Pla­nun­gen, sich wäh­rend Hil­des Fe­ri­en Ende Juli per­sön­lich zu tref­fen. Durch­gän­gig ist auch der Brief­wech­sel sel­ber ein Thema—was sie schrei­ben, dass sie so viel schrei­ben, und wie lan­ge es dau­ert, bis die Brie­fe an­kom­men.

Juni 1938

Pfings­ten bringt schö­nes Wet­ter und Ur­laub mit sich. Wir er­fah­ren, dass Hil­de Ein­zel­kind ist, Ro­land aber ei­nen Bru­der hat. Hil­de ist 18 Jah­re alt, also 1920 ge­bo­ren. Au­ßer­halb der Ar­beit be­sucht sie das Kino und nimmt Sing­stun­den, macht lan­ge Spa­zier­gän­ge, ba­det in der Son­ne. Bei­de ge­hen re­gel­mä­ßig zur Kir­che; sie hö­ren die Pre­di­gen und ge­nie­ßen die Mu­sik. Sie be­spre­chen Ro­ma­ne und Ge­dich­te, die ih­nen auch hel­fen, ihre Ge­füh­le zu äu­ßern. Ro­land macht ei­nen Be­such bei sei­nen El­tern. Er fin­det es schwie­rig, sich Hil­de an­zu­nä­hern. Sie tau­schen Bil­der aus. Hil­des Chef or­ga­ni­siert eine Fahrt ins Blaue“, die zu­fäl­lig nah bei Ro­land vor­bei­führt. Doch die Be­geg­nung ist kurz, über­eilt, und un­zu­frie­den. Sie ma­chen wei­te­re Plä­ne um sich in Dres­den zu tref­fen, und Ro­land or­ga­ni­siert eine Rei­se für Hil­de.

Bei­de ver­su­chen, ihre Ver­bin­dung ganz ge­heim zu hal­ten, um den Klein­stadt­klatsch“ zu ver­mei­den, und freu­en sich, ein gro­ßes Ge­heim­nis in sich zu tra­gen“, wel­ches je­doch nicht lan­ge ge­heim bleibt, da Hil­de ih­rer Mut­ter da­von er­zählt, die wie­der­um den Va­ter in­for­miert. Ro­land be­steht dar­auf, dass Hil­de mit ih­ren El­tern ehr­lich über die Rei­se nach Dres­den spricht, und dass er die Lau­bes per­sön­lich an­schreibt, um ihre Zu­sa­ge zu der Rei­se zu be­kom­men. Hil­des Mut­ter macht sich Sor­gen um die Alters- und Klas­sen­un­ter­schie­de. Ro­land teilt mit Hil­de sei­ne Mei­nung zu Eben­bür­tig­keit in der Ehe und in der Bil­dung im All­ge­mei­nen. Ro­land, der aus ei­ner Be­am­ten­fa­mi­lie stammt, hat ein star­kes Stan­des­be­wusst­sein“, des­sen Erbe er sich ver­pflich­tet fühlt. Wei­te­re The­men ih­rer Brie­fe sind Ge­schlech­ter­rol­len in der Fa­mi­lie so­wie ihre Brie­fe, die sie nun mit ei­nem zwei­ten Da­tum mar­kie­ren, da­mit sie den Post­weg be­rech­nen kön­nen und die Brief­mar­ken­spra­che”.

Juli 1938

Nach dem Auf­ent­halt in Dres­den schrei­ben sich Hil­de und Ro­land nach der Rück­rei­se wie­der. Ih­nen fällt es manch­mal schwer, Ruhe zum Schrei­ben zu fin­den, wes­halb sie ihre Brie­fe nach dem Dienst oder der Ar­beit, und oft­mals erst am Wo­chen­en­de ver­fas­sen. Hil­de be­kommt im Juli 12 Tage Ur­laub. Mit gro­ßem Ver­trau­en zu Ro­land ge­ben Hil­des El­tern ihr die Er­laub­nis, mit Ro­land ei­ni­ge Tage in der Säch­si­schen Schweiz zu ver­brin­gen, um sich bes­ser ken­nen­ler­nen zu kön­nen. Hil­de soll im glei­chen Hau­se wie Ro­land woh­nen. Ro­land hat­te al­ler­dings ei­gent­lich vor, in den Harz zu rei­sen, um Ab­stand zu sei­nem Schul- und Ar­beits­ort zu ge­win­nen und fern von den neu­gie­ri­gen Bli­cken sei­ner Be­kann­ten zu sein. Da­her schlägt er Hil­de vor, ihn zwi­schen­durch im Harz zu tref­fen. Hil­de bit­tet ihre El­tern um de­ren Zu­sa­ge, die sie trotz Be­den­ken ge­ben, so dass Hil­de Ro­land be­rich­ten kann: Ich darf”. 

Ro­land or­ga­ni­siert die Rei­se, er­klärt im Vor­aus die Se­hens­wür­dig­kei­ten und macht Vor­schlä­ge für das Kof­fer­pa­cken. Hil­de be­steht dar­auf, selbst ihre Kos­ten zu de­cken. Zwi­schen­durch be­rich­ten sie ein­an­der wei­ter­hin von Ro­ma­nen und ih­ren Ide­en von Be­zie­hun­gen. Ro­land be­kommt Be­such vom Bru­der Sol­dat“ und von ei­nem Ver­wand­ten aus Me­xi­ko. Vom Harz aus be­rich­tet Ro­land erst von sei­nen Rei­se­er­leb­nis­sen, da­nach von ei­ner Ma­gen­krank­heit und ei­ner Er­käl­tung. Er muss nach Hau­se fah­ren und ihre ge­mein­sa­me Harz­rei­se ab­sa­gen. Hil­de macht sich gro­ße Sor­gen. Ro­land er­hol­te sich mit­hil­fe na­tür­li­cher Heil­mit­tel. Ro­land be­rich­tet auch, wie sein Va­ter nach 25 Jah­ren ver­setzt wur­de und die Fa­mi­lie nach­zie­hen muss­te. Hil­de und Ro­land schmie­den nun neue Plä­ne, sich statt­des­sen in Dres­den zu tref­fen, aber nur wenn er wie­der ge­sund sei. Ro­lands Mut­ter über­bringt Hil­des letz­ten Brief, ohne wei­ter nach­zu­fra­gen. Hil­de und Ro­land be­spre­chen ihre Lie­be zur Hei­mat.

Au­gust 1938

Hil­de macht ein Fo­to­al­bum mit den Auf­nah­men ih­rer Be­geg­nun­gen – ein Ta­ge­buch in Bil­dern“. Ro­land be­rich­tet von der Groß­mut­ter, die ernst­lich krank ge­wor­den sei, und von sei­ner Ar­beit als Leh­rer. Er ver­steht geis­ti­ge Be­weg­lich­keit als Grund­satz von Bil­dung, die er bei sei­nen Schü­lern aber auch bei Hil­de an­re­gen möch­te. Nach ih­rem Ur­laub geht Hil­de wie­der an die Ar­beit und be­schreibt ihre Ver­su­che, den Ar­beits­platz zu ver­schö­nern. Es gibt Ver­wand­ten­be­such. Dann stirbt Ro­lands Groß­mut­ter. Er schil­dert die Er­eig­nis­sen, ih­ren star­ken Wil­len, ihre Her­ren­na­tur, so­wie das Stre­ben nach Frei­heit, das er von ihr ge­erbt hat. Hil­de schreibt von der Ein­sam­keit des Ster­bens und über das Ver­hält­nis der Men­schen zu Gott. Ro­land gibt zu, sich nicht mehr so ganz ein­sam zu füh­len, denn es ist je­mand, der sich um mich küm­mert“. Er sieht nach­her den Sinn in der miss­glück­ten Harz­rei­se dar­in, ihm und sei­nem Bru­der zu er­mög­li­chen, die Groß­mut­ter beim letz­ten Heim­gang be­glei­ten zu dür­fen.

Sie dis­ku­tie­ren ih­ren Aber­glau­ben, aber spre­chen auch über Mu­sik, Dich­tung, Ro­ma­ne, ein Le­xi­kon („All­buch“), über Bau­kunst, die Sing­stun­de, Tod, Mo­tor­rä­der, Fo­tos, die Maul- u. Klau­en­seu­che. Auch ihre ge­gen­sei­ti­ge Be­zie­hung wird wei­ter­hin the­ma­ti­siert. Zu der Auf­for­de­rung, zum Reichs­par­tei­tag zu fah­ren, er­klärt sich un­ter der Be­din­gung dazu be­reit, als Zi­vi­list da­hin zu rei­sen und nicht im Zelt­la­ger zu woh­nen, be­reit, darf aber schließ­lich doch von der Rei­se zu­rück­tre­ten. Ro­land nennt Hil­de zum ers­ten Mal das Mäd­chen aus dem Wes­ten“, viel­leicht ein Hin­weis auf die Oper von Gi­a­co­mo Puc­ci­ni.

Sie tref­fen sich sonn­tags, aber am letz­ten Sonn­tag in Au­gust spürt Hil­de, dass seit dem Ab­schied et­was zwi­schen uns ge­tre­ten [war], et­was Dunk­les, Frem­des“, denn sie hat vom Ver­gan­ge­nen“ ge­spro­chen. Im nächs­ten Brief er­zählt Hil­de aus­führ­li­cher von ei­nem ein­fa­chen, mür­ri­schen und ein­sa­men, jun­gen Ar­bei­ter, der den Wehr­dienst ver­las­sen habe, weil er sich in Hil­de ver­liebt hat­te. Hil­de hat­te sich mit ihm an­ge­freun­det, konn­te ihm aber kei­nen Glau­ben an eine neue Zu­kunft ge­ben, weil sie nicht in ihn ver­liebt sei. Sie hat­te ihm nie die gan­ze Wahr­heit ge­sagt, d.h., dass sie sich schon für Ro­land in­ter­es­sier­te.

Sep­tem­ber 1938

Ro­land be­kommt Hil­des Brief am Frei­tag­nach­mit­tag, und bis Sonn­tag ist er im­mer noch nicht da­mit fer­tig, sei­ne Er­wi­de­rung zu ver­fas­sen. Er schreibt statt­des­sen nur ei­nen kur­zen Sonn­tags­gruß. Im nächs­ten Brief ver­si­chert er ihr, dass nichts dunk­les, frem­des sich zwi­schen uns ge­drängt hat.“ Er be­stä­tigt Hil­des Un­schuld an dem Ab­schied, war aber ein we­nig er­schro­cken“ von der Beziehung—wie weit es ge­gan­gen sei und mit wel­chen Fol­gen für den jün­ge­ren Mann. Er baut eine Tren­nung zwi­schen ih­rem na­tür­li­chen An­reiz für Män­ner und ih­rer Un­schuld da­für, wie die­ser Mann auf sie re­agier­te, auf. Ro­land er­klärt auch sei­ne vor­he­ri­gen Zwei­fel, dass ein jun­ges Mäd­chen, ohne jede Er­mun­te­rung dazu, sein Herz an ei­nen 13 Jah­re äl­te­ren Mann ver­liert“. Hil­de fühlt sich er­löst.

Die­se Kri­se schafft ei­nen Grund, wei­ter­hin Ge­schlech­ter­rol­len, Be­zie­hun­gen und Ju­gend zu be­spre­chen, wo­durch sich die bei­den wei­ter an­nä­hern. Hil­de er­zählt von ei­nem be­freun­de­ten Mäd­chen in ih­rem Krän­zel, das mit ei­nem jun­gen SS-​Mann je­den Sonn­tag tan­zen ging. Die­ser habe die Be­zie­hung auf­ge­ge­ben, da jetzt die Zu­kunft so un­ge­wiss sei und … [weil] er kein rech­tes Ver­trau­en mehr zu ihr“ habe, ob­wohl das Mäd­chen ihm das Höchs­te, Hei­ligs­te gab, was ein Mäd­chen be­sitzt.“ Ro­land schreibt vom Herbst: eine erns­te Zeit, ich lie­be ihn.“ Die Na­tur kommt oft­mals im Ge­spräch vor: der Mond, eine Hum­mel. Er schil­dert ihr sei­ne An­stren­gun­gen auf der Ar­beit: mit Zen­su­ren, mit des­in­ter­es­sier­ten Kin­dern, mit El­tern und er­zählt ihr auch von sei­nen Or­gel­übun­gen. Wei­te­re Ge­sprächs­the­men sind Fil­me, Opern, Hei­mat­lie­be, Spa­zier­gän­ge, Kirch­weih­fest, Ge­burts­tags­fei­ern. Ro­lands Mut­ter wur­de 49, sein Va­ter 58, er selbst 31.

Bei­de mer­ken an, dass die Zahl der Ar­beits­mai­den ver­dop­pelt wer­den soll. Se­hen Sie nur zu, dass Sie dar­an vor­bei­kom­men.“ Hil­de er­wi­dert, dass sie ein­mal nah dar­an ge­we­sen sei, sich frei­wil­lig zu mel­den, und war­um, aber sie glaubt, dar­an vor­bei­zu­kom­men. Ro­land macht sich Sor­gen, dass die Kri­se um das Su­de­ten­land zum Krieg füh­ren kön­ne. Hil­de be­rich­tet von der Räu­mung von Schu­len, um Sol­da­ten un­ter­zu­brin­gen; Ro­land schreibt von Flücht­lin­gen, die ein Frei­korps bil­den und in ei­nem frü­he­ren Ar­beits­la­ger un­ter­ge­bracht sind und sei­ner Hoff­nung, dass der Frie­den er­hal­ten blei­be.

Ro­land sieht hoff­nungs­voll dem be­vor­ste­hen­den Be­such von Hil­de sei­nem ers­ten […] Da­men­be­such“ ent­ge­gen, er­zählt sei­ner Wir­tin da­von und räumt sei­ne Woh­nung auf. Bei dem Be­such sind sie mit den Her­zen bei­sam­men“ und nach­her lässt Ro­land die Wor­te fal­len, dass er sich wün­sche, ein­mal auch mei­ne lie­be Frau“ sa­gen zu kön­nen.

Auf­grund die­ser Be­geg­nung kom­men auch die The­men­fel­der Ehe, Lie­be und Ge­schlech­ter­rol­len auf. Aber Ro­land, wie Hil­de zu­vor, denkt auch an den Tod. Er er­zähl­te von ei­nem frü­he­ren, prä­gen­den Er­leb­nis: das Be­gräb­nis des jun­gen Mäd­chens, das alle so gern hat­ten.“ Er schließt sei­nen Brief mit der Zu­ver­sicht auf ei­nen dau­er­haf­ten Frie­den.“

Ok­to­ber 1938

Aus Ro­lands Brief liest Hil­de her­aus, wie edel er in sei­nem Den­ken und Han­deln sei und schreibt mit Blick auf ihre Hoff­nung auf eine ge­mein­sa­me Zu­kunft: Ein ho­hes Ziel ist uns ge­setzt.”

Je­doch er­fasst sie ein hei­ßer Schreck“ als sie glaubt, Ro­land in der Kir­che sit­zen zu se­hen.“ Sie be­spre­chen die Fo­tos von dem Be­such, ihre Wan­de­run­gen, Schall­plat­ten. Ro­land hat die Kos­ten für den Be­such ge­tra­gen, aber Hil­de ist nicht si­cher, ob sie sich den Wirts­leu­ten ge­gen­über recht be­nahm und hät­te fra­gen müs­sen, ob sie ih­nen für ihre Gast­freund­schaft et­was schul­dig sei oder ob sie ih­nen Trink­geld hät­te ge­ben sol­len. Hil­de läßt sich von Ro­land be­ra­ten.

Frie­den ist im Land“, fügt sie hin­zu, wie wert um die­ses Wort ist.“ Im­mer­hin merkt sie, dass sich auch Flücht­lin­ge bei ihr be­fin­den: etwa 70 Tsche­chen. Sie be­schreibt ihre Be­wa­chung so­wie die Tat­sa­che, dass Neu­gie­ri­ge, die un­nütz rum­ste­hen“, eine 1 RM Stra­fe zah­len müs­sen. Ro­land merkt die Mo­bi­li­sie­rung der eng­li­schen Flot­te und der Ar­me­en Bel­gi­ens und Hol­lands an. Es stand auf des Mes­sers Schnei­de.“ Ro­land er­wägt al­len Erns­tes, nach Mün­chen zu fah­ren, um Zeu­ge der his­to­ri­schen Auf­fahrt” zu sein. Der Bru­der Sol­dat” schreibt aus Kratzau in Böh­men, er ist also mit un­ter den ein­mar­schie­ren­den Trup­pen.“

Sie dis­ku­tie­ren und be­spre­chen die Ah­nen­for­schun­gen, die sie bei­de be­trei­ben, und die Vor­be­rei­tung auf ei­nen mög­li­chen An­griff. Ro­land und sei­ne Wirts­leu­te ma­chen den Luft­schutz­kel­ler ge­brauchs­fer­tig und auch Hil­de wird auch im Luft­schutz aus­ge­bil­det und sie be­schreibt Lehrstunden—mit The­men wie Bom­ben­ar­ten, Gas­mas­ken, Schutz­räu­men, Brandverhütung—sowie ih­ren Er­folg bei der Flie­ger­alarm­pro­be.

Ro­land be­schreibt ei­nen Aus­flug mit ei­nem äl­te­ren Kol­le­gen, ei­nem Ober­leh­rer, mit dem er Po­li­tik, Kunst, Wis­sen­schaft, Bü­cher und Kon­zer­te be­sprach. Die­se Be­zie­hung ver­gleicht er mit der zu Hil­de. Er er­in­nert sich: Ha­ben Sie in Ih­rem Le­ben schon ein­mal ei­nen Men­schen so recht von Her­zen lieb­ge­habt?” Hil­de hat­te die­se Fra­ge im ers­ten Brief ge­stellt. Mit die­ser Fra­ge und die­sem Ge­ständ­nis“ er­in­nert er sich, ha­ben Sie an ei­nen [sic] tie­fen, himm­li­schen Schmerz ge­rührt. Sie war der Schlüs­sel zu mei­nem Her­zen und mei­nem Ver­trau­en. Ich habe wei­nen müs­sen da­mals.“ Ro­land er­zählt von dem Miss­trau­en zwi­schen ihm und sei­nen El­tern, weil sie ihre Lie­be zu­rück­hiel­ten oder nicht ganz ge­teilt hät­ten.

Bei­de re­flek­tie­ren über den Wer­de­gang ih­rer Be­zie­hung bis­her, ih­ren re­gen Brief­wech­sel und das Brie­fe­schrei­ben.

Auf Ba­sis ei­nes Ge­sprächs, das Ro­land mit ei­nem Pas­tor, der auch un­ver­bes­ser­li­cher Jung­ge­sel­le“ ge­we­sen sei – über Ehe, Lie­be, und Ge­schlech­ter­rol­len in Deutsch­land und an­de­ren Län­der ge­führt hat­te, dis­ku­tie­ren Ro­land und Hil­de die­se Fra­gen wei­ter. Dar­über hin­aus be­spre­chen sie Fil­me und Ro­ma­ne. Hil­de er­zählt von ei­nem Traum über Ro­land. Sie be­su­chen die Oper und spre­chen über das kal­te Wet­ter und den grau­en All­tag. 

No­vem­ber 1938

Span­nung gibt es bei dem letz­ten Be­such im Ok­to­ber und beim Ab­schied; nach­her Un­ru­he und böse Er­in­ne­run­gen. Un­an­ge­kün­digt kom­men Nach­barn und Ver­wand­te an, alle Au­gen sind auf Hil­de ge­rich­tet, und bei­de ha­ben nichts sa­gen kön­nen. Hil­de zu­fol­ge gab es zu­viel Auf­pas­ser, zu­viel zu­dring­li­che Bli­cke, zu­viel Zu­schau­er. Das hat uns bei­de un­si­cher ge­macht.“ Sie fühlt sich un­er­fah­ren in Be­zie­hun­gen und dass sie noch zu we­nig ge­mein­sa­me Er­leb­nis­se“ ver­bin­den, um vol­les Ver­trau­en zu ha­ben. Laut Ro­land sei Hil­de „[g]anz ohne Schuld“: er habe ihr weh­ge­tan. Die­se Ge­scheh­nis­se er­in­nern Ro­land an sein ab­ge­bro­che­nes Mu­sik­stu­di­um, als er ein Kon­zert ge­ben muss­te, das ihn über­for­der­te und er ein­mal, zwei­mal“ ste­cken blieb. Es war zu früh, meint er, für so eine öf­fent­li­che Pro­be. Sie er­le­ben star­ke Ein­sam­keit, er­be­ten sich noch mal das ge­gen­sei­ti­ge Ver­trau­en, was zu ei­nem Ge­spräch über Ver­trau­en führt. Sie sind sich aber ei­nig, wei­ter­hin frem­de Bli­cke mei­den zu wol­len, und Ro­land lernt lang­sam, wie stark Hil­de sein kann. Wenn sie bei­sam­men sind, freu­en sie sich wie nie zu­vor.

Ro­lands Bru­der Sol­dat“ kommt aus Böh­men und eine Be­kann­te von bei­den aus dem Su­de­ten­land zu­rück, und

beim Durch­marsch durch Chem­nitz, hat er die An­schlä­ge be­wun­dern kön­nen, die man auf die jü­di­schen Ge­schäf­te ver­üb­te. Al­les ist wie­der mal auf­ge­regt und ge­spannt, wie sich die po­li­ti­sche Lage wei­ter ent­wi­ckeln wird. Zu al­len Städ­ten sol­len die­se Ak­tio­nen vor­ge­nom­men wor­den sein?“

Sie re­den auch von Thea­ter­stü­cken, Chor, Kirchen- und Haus­mu­sik, das un­freund­li­che Wet­ter, und noch mal über neue Bü­cher. Sie re­den über eine alte Freun­din von Ro­land, mit der Hil­de auch be­freun­det ge­we­sen war. Ro­land kri­ti­siert die Idee, eine Freund­schaft fürs Le­ben durch eine flüch­ti­ge Be­geg­nung an­zu­fan­gen so­wie die Auf­lo­cke­rung der Sit­ten in den Nach­kriegs­zei­ten. Sie fei­ern den To­ten­sonn­tag und den Ad­vents­sonn­tag. Es ist uns,“ be­rich­tet Hil­de, als sei die Welt ver­wan­delt, als sei es nicht mehr so dun­kel.“ Sie be­spre­chen wie­der Bil­der, Mu­sik, Fo­tos, Wan­de­run­gen, Ka­me­rad­schafts­aben­de. Hil­de muss die An­nä­he­run­gen ei­nes Ju­gend­freun­des höf­lich ver­nei­nen, der nun eine mi­li­tä­ri­schen Lauf­bahn ein­schlägt.

De­zem­ber 1938

Es dau­ert lan­ge, be­vor sie sich ei­ni­gen kön­nen, wie Hil­de sich ge­gen­über die­sem jun­gen Mann ver­hal­ten soll. Ro­land wun­dert sich, war­um Hil­de dem jun­gen Mann nichts von ihm er­zähl­te; und sie ver­gleicht die­sen Zu­stand mit dem sei­ner ehe­ma­li­gen Freun­din. Ro­land er­kennt durch die­se Dis­kus­sio­nen, wie sehr er Hil­de schätzt und wie ge­wach­sen er sei, seit sie Freund­schaft ver­bin­det. Er gibt ihr aber die vol­le Frei­heit, die Sa­che zu lö­sen, wie sie es will, und sie ist über sein Ver­trau­en sehr dank­bar. Ro­land be­schreibt ihre Be­zie­hung wei­ter­hin als Ver­trag, die er mit po­li­ti­schen Ab­kom­men ver­gleicht. Bei­de sind frei, sich bes­ser ken­nen­zu­ler­nen, die Freund­schaft zu ver­tie­fen, oder auf mehr Di­stanz zu ge­hen.  

In De­zem­ber ma­chen sie vie­le Be­su­che und sie fei­ern viel mit ih­ren Fa­mi­li­en. Sie ma­chen Ad­vents­krän­ze, es­sen Pfef­fer­ku­chen, kna­cken Nüs­se. Gir­lan­den hän­gen auf den Stra­ßen. Als Ro­land die Bil­der zeigt, wird er ge­fragt, wer die Dame sei und er muss sei­nen El­tern ge­gen­über eine Ge­schich­te er­fin­den. Sie re­den von Krank­hei­ten, der Sing­stun­de, Mu­sik, Bü­cher, Un­treue und Ei­fer­sucht, Angst vor Ge­wit­ter, und den Aus­bruch von Diph­the­rie, von den grau­en, un­durch­dring­li­chen Wol­ken, von der Trost­lo­sig­keit, die mit dem Win­ter kommt, und die Freu­de an den Fei­er­ta­gen. Sie kau­fen Ge­schen­ke für an­de­re und tau­schen Ge­schen­ke aus. Im Rah­men des Mög­li­chen“ meint Ro­land, möch­te man gern ei­nen rich­ti­gen Wunsch er­fül­len.“ Hil­de schickt Ro­land ei­nen Kranz zum Ni­ko­laus­tag. Im De­zem­ber hat Ro­land auch Ge­burts­tag und da­durch wagt es Hil­de, ihre Brie­fe ei­nen Grad herz­li­cher ab­zu­fas­sen und sie teilt ihm dies auch mit.

Bei­de ge­nie­ßen Weih­nach­ten als welt­li­chen und himm­li­schen Fei­er­tag. Ro­land be­sorgt ei­nen Schmuck­stück für Hil­de aus frie­si­scher Fi­li­gran­ar­beit von der Nord­see­insel Am­rum, die er mal be­sucht, und tauft sie mein lie­bes Frie­sen­kind.“ Er er­zählt von sei­nem Hang nach dem Wes­ten, sei­ner Sym­pa­thie für die Eng­län­der, wie ger­ne er nach Nor­den reis­te und von den kör­per­li­chen Zü­gen die­ses nor­di­schen Volks­stam­mes der Frie­sen. Hil­de be­schreibt den Weih­nachts­abend in klei­nen De­tails, auch wie sie halt­los wein­te, als sie Ro­lands Brie­fe las und lau­ter Ge­schen­ke von Ro­land, ih­ren El­tern und ih­rem Chef aus­pack­te. Hil­des Mut­ter hat ihr auch wei­te­res Sil­ber für die Aus­steu­er ge­schenkt. Hil­des Mut­ter trifft die Ent­schei­dung, Ro­land sel­ber an­zu­schrei­ben. Hil­de schenkt Ro­land ein Ma­ha­go­ni­holz­käst­chen und fri­sche Nel­ken.

Mit Blick auf das neue Jahr den­ken sie über die Ver­gan­gen­heit so­wie die Zu­kunft nach. Ro­land be­wun­dert Hil­des Gü­tig­keit so­wie ihre Mut, ei­nen 13 Jah­re äl­te­ren Mann an­zu­schrei­ben und von der Lie­be zu re­den. Der Al­ters­un­ter­schied stört ihn noch, aber jetzt, be­trach­tet er sich als ihr Be­schüt­zer und Be­ra­ter. Er bit­tet sie, ihre lie­be Hand recht oft“ zu rei­chen, so­gar:

Wang an Wan­ge leh­nen … aber küs­sen — lie­be [Hil­de], ver­ste­hen Sie mich jetzt recht — darf ich Sie noch nicht. … Erst wie­der viel­leicht zum nächs­ten Ge­burts­tag. Mit die­sen Aus­sich­ten und Vor­sät­zen dür­fen wir mu­tig und zu­ver­sicht­lich dem neu­en Jahr ent­ge­gen­se­hen.“

T&SavatarsmHil­de ist von der Auf­re­gung krank ge­wor­den.