Chronik pro Monat

1938

Geschrieben von Simon Potthast (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Lehramt Geschichte, 06.2016)

Hilde und Roland, während Hildes Besuch, Ende November 1940, Eckernförde.
Hilde und Roland, während Hildes Besuch, Ende November 1940, Eckernförde.

Mai 1938

Am 4. Mai 1938 fängt Hilde Laube ein Briefwechsel mit Roland Nordhoff an. Sie kennt ihn aus der Kantorei in O., hat sogar die Gesellschaft angetreten, um ihm näher zu sein. Nachdem ein persönliches Treffen nicht zustande kommt, offenbart Hilde Roland ihre Liebe, was ihn erschüttert und aufwühlt. Die beiden besprechen ihre Unzufriedenheit mit dem Leben—in der Heimat in O. und jetzt für Roland in L. Sie erzählen einander von ihren verzweifelten Wünschen, ihre Horizonte zu erweitern und die wahre Liebe zu finden, auch was sie von der Liebe halten sowie von ihrem Glauben an Gott. In ihren Briefen sprechen sie auch über den Klassenunterschied zwischen ihnen: er arbeitet in L. als Lehrer, während sie in O. in einem Trikotagengeschäft arbeitet—vorher arbeitete sie sogar im Haushalt ihres Chefs. Für ihn stammt sie aus finanz- und bildungsschwachen Verhältnissen. Hildes Vater ist kriegsversehrt, arbeitet schwer, und vernachlässigt das Familienleben; Bedingungen, unter denen Hildes Mutter kontinuierlich leidet. Hilde sieht in der Tatsache, dass sie Roland nicht “ebenbürtig” sei, ein unüberbrückbares Hindernis für eine Beziehung. Roland selbst war allerdings auch nicht damit zufrieden, nur “armer Schulmeister” zu sein. Auch er wünscht sich einen besseren Beruf, eine Ehefrau, und Kinder. Dadurch fangen sie an, sich ganz vorsichtig einander in ihren Briefen zu offenbaren und kennenzulernen. Sie beginnen auch Planungen, sich während Hildes Ferien Ende Juli persönlich zu treffen. Durchgängig ist auch der Briefwechsel selber ein Thema—was sie schreiben, dass sie so viel schreiben, und wie lange es dauert, bis die Briefe ankommen.

Juni 1938

Pfingsten bringt schönes Wetter und Urlaub mit sich. Wir erfahren, dass Hilde Einzelkind ist, Roland aber einen Bruder hat. Hilde ist 18 Jahre alt, also 1920 geboren. Außerhalb der Arbeit besucht sie das Kino und nimmt Singstunden, macht lange Spaziergänge, badet in der Sonne. Beide gehen regelmäßig zur Kirche; sie hören die Predigen und genießen die Musik. Sie besprechen Romane und Gedichte, die ihnen auch helfen, ihre Gefühle zu äußern. Roland macht einen Besuch bei seinen Eltern. Er findet es schwierig, sich Hilde anzunähern. Sie tauschen Bilder aus. Hildes Chef organisiert „eine Fahrt ins Blaue“, die zufällig nah bei Roland vorbeiführt. Doch die Begegnung ist kurz, übereilt, und unzufrieden. Sie machen weitere Pläne um sich in Dresden zu treffen, und Roland organisiert eine Reise für Hilde.

Beide versuchen, ihre Verbindung ganz geheim zu halten, um „den Kleinstadtklatsch“ zu vermeiden, und freuen sich, „ein großes Geheimnis in sich zu tragen“, welches jedoch nicht lange geheim bleibt, da Hilde ihrer Mutter davon erzählt, die wiederum den Vater informiert. Roland besteht darauf, dass Hilde mit ihren Eltern ehrlich über die Reise nach Dresden spricht, und dass er die Laubes persönlich anschreibt, um ihre Zusage zu der Reise zu bekommen. Hildes Mutter macht sich Sorgen um die Alters- und Klassenunterschiede. Roland teilt mit Hilde seine Meinung zu Ebenbürtigkeit in der Ehe und in der Bildung im Allgemeinen. Roland, der aus einer Beamtenfamilie stammt, hat ein starkes „Standesbewusstsein“, dessen Erbe er sich verpflichtet fühlt. Weitere Themen ihrer Briefe sind Geschlechterrollen in der Familie sowie ihre Briefe, die sie nun mit einem zweiten Datum markieren, damit sie den Postweg berechnen können und die “Briefmarkensprache”.

Juli 1938

Nach dem Aufenthalt in Dresden schreiben sich Hilde und Roland nach der Rückreise wieder. Ihnen fällt es manchmal schwer, Ruhe zum Schreiben zu finden, weshalb sie ihre Briefe nach dem Dienst oder der Arbeit, und oftmals erst am Wochenende verfassen. Hilde bekommt im Juli 12 Tage Urlaub. Mit großem Vertrauen zu Roland geben Hildes Eltern ihr die Erlaubnis, mit Roland einige Tage in der Sächsischen Schweiz zu verbringen, um sich besser kennenlernen zu können. Hilde soll im gleichen Hause wie Roland wohnen. Roland hatte allerdings eigentlich vor, in den Harz zu reisen, um Abstand zu seinem Schul- und Arbeitsort zu gewinnen und fern von den neugierigen Blicken seiner Bekannten zu sein. Daher schlägt er Hilde vor, ihn zwischendurch im Harz zu treffen. Hilde bittet ihre Eltern um deren Zusage, die sie trotz Bedenken geben, so dass Hilde Roland berichten kann: “Ich darf”.

Roland organisiert die Reise, erklärt im Voraus die Sehenswürdigkeiten und macht Vorschläge für das Kofferpacken. Hilde besteht darauf, selbst ihre Kosten zu decken. Zwischendurch berichten sie einander weiterhin von Romanen und ihren Ideen von Beziehungen. Roland bekommt Besuch vom „Bruder Soldat“ und von einem Verwandten aus Mexiko. Vom Harz aus berichtet Roland erst von seinen Reiseerlebnissen, danach von einer Magenkrankheit und einer Erkältung. Er muss nach Hause fahren und ihre gemeinsame Harzreise absagen. Hilde macht sich große Sorgen. Roland erholte sich mithilfe natürlicher Heilmittel. Roland berichtet auch, wie sein Vater nach 25 Jahren versetzt wurde und die Familie nachziehen musste. Hilde und Roland schmieden nun neue Pläne, sich stattdessen in Dresden zu treffen, aber nur wenn er wieder gesund sei. Rolands Mutter überbringt Hildes letzten Brief, ohne weiter nachzufragen. Hilde und Roland besprechen ihre Liebe zur Heimat.

August 1938

Hilde macht ein Fotoalbum mit den Aufnahmen ihrer Begegnungen – „ein Tagebuch in Bildern“. Roland berichtet von der Großmutter, die ernstlich krank geworden sei, und von seiner Arbeit als Lehrer. Er versteht geistige Beweglichkeit als Grundsatz von Bildung, die er bei seinen Schülern aber auch bei Hilde anregen möchte. Nach ihrem Urlaub geht Hilde wieder an die Arbeit und beschreibt ihre Versuche, den Arbeitsplatz zu verschönern. Es gibt Verwandtenbesuch. Dann stirbt Rolands Großmutter. Er schildert die Ereignissen, ihren starken Willen, ihre Herrennatur, sowie das Streben nach Freiheit, das er von ihr geerbt hat. Hilde schreibt von der Einsamkeit des Sterbens und über das Verhältnis der Menschen zu Gott. Roland gibt zu, sich nicht mehr so ganz einsam zu fühlen, denn „es ist jemand, der sich um mich kümmert“. Er sieht nachher den Sinn in der missglückten Harzreise darin, ihm und seinem Bruder zu ermöglichen, die Großmutter beim letzten Heimgang begleiten zu dürfen.

Sie diskutieren ihren Aberglauben, aber sprechen auch über Musik, Dichtung, Romane, ein Lexikon („Allbuch“), über Baukunst, die Singstunde, Tod, Motorräder, Fotos, die Maul- u. Klauenseuche. Auch ihre gegenseitige Beziehung wird weiterhin thematisiert. Zu der Aufforderung, zum Reichsparteitag zu fahren, erklärt sich unter der Bedingung dazu bereit, als Zivilist dahin zu reisen und nicht im Zeltlager zu wohnen, bereit, darf aber schließlich doch von der Reise zurücktreten. Roland nennt Hilde zum ersten Mal das „Mädchen aus dem Westen“, vielleicht ein Hinweis auf die Oper von Giacomo Puccini.

Sie treffen sich sonntags, aber am letzten Sonntag in August spürt Hilde, dass „seit dem Abschied etwas zwischen uns getreten [war], etwas Dunkles, Fremdes“, denn sie hat „vom Vergangenen“ gesprochen. Im nächsten Brief erzählt Hilde ausführlicher von einem einfachen, mürrischen und einsamen, jungen Arbeiter, der den Wehrdienst verlassen habe, weil er sich in Hilde verliebt hatte. Hilde hatte sich mit ihm angefreundet, konnte ihm aber keinen Glauben an eine neue Zukunft geben, weil sie nicht in ihn verliebt sei. Sie hatte ihm nie die ganze Wahrheit gesagt, d.h., dass sie sich schon für Roland interessierte.

September 1938

Roland bekommt Hildes Brief am Freitagnachmittag, und bis Sonntag ist er immer noch nicht damit fertig, seine Erwiderung zu verfassen. Er schreibt stattdessen nur einen kurzen Sonntagsgruß. Im nächsten Brief versichert er ihr, dass „nichts dunkles, fremdes sich zwischen uns gedrängt hat.“ Er bestätigt Hildes Unschuld an dem Abschied, war aber „ein wenig erschrocken“ von der Beziehung—wie weit es gegangen sei und mit welchen Folgen für den jüngeren Mann. Er baut eine Trennung zwischen ihrem natürlichen Anreiz für Männer und ihrer Unschuld dafür, wie dieser Mann auf sie reagierte, auf. Roland erklärt auch seine vorherigen Zweifel, „dass ein junges Mädchen, ohne jede Ermunterung dazu, sein Herz an einen 13 Jahre älteren Mann verliert“. Hilde fühlt sich erlöst.

Diese Krise schafft einen Grund, weiterhin Geschlechterrollen, Beziehungen und Jugend zu besprechen, wodurch sich die beiden weiter annähern. Hilde erzählt von einem befreundeten Mädchen in ihrem Kränzel, das mit einem jungen SS-Mann jeden Sonntag tanzen ging. Dieser habe die Beziehung aufgegeben, „da jetzt die Zukunft so ungewiss sei und … [weil] er kein rechtes Vertrauen mehr zu ihr“ habe, obwohl das Mädchen „ihm das Höchste, Heiligste gab, was ein Mädchen besitzt.“ Roland schreibt vom Herbst: „eine ernste Zeit, ich liebe ihn.“ Die Natur kommt oftmals im Gespräch vor: der Mond, eine Hummel. Er schildert ihr seine Anstrengungen auf der Arbeit: mit Zensuren, mit desinteressierten Kindern, mit Eltern und erzählt ihr auch von seinen Orgelübungen. Weitere Gesprächsthemen sind Filme, Opern, Heimatliebe, Spaziergänge, Kirchweihfest, Geburtstagsfeiern. Rolands Mutter wurde 49, sein Vater 58, er selbst 31.

Beide merken an, dass „die Zahl der Arbeitsmaiden verdoppelt werden soll. Sehen Sie nur zu, dass Sie daran vorbeikommen.“ Hilde erwidert, dass sie einmal nah daran gewesen sei, sich freiwillig zu melden, und warum, aber sie glaubt, daran vorbeizukommen. Roland macht sich Sorgen, dass die Krise um das Sudetenland zum Krieg führen könne. Hilde berichtet von der Räumung von Schulen, um Soldaten unterzubringen; Roland schreibt von Flüchtlingen, die ein Freikorps bilden und in einem früheren Arbeitslager untergebracht sind und seiner Hoffnung, dass der Frieden erhalten bleibe.

Roland sieht hoffnungsvoll dem bevorstehenden Besuch von Hilde seinem „ersten […] Damenbesuch“ entgegen, erzählt seiner Wirtin davon und räumt seine Wohnung auf. Bei dem Besuch sind sie „mit den Herzen beisammen“ und nachher lässt Roland die Worte fallen, dass er sich wünsche, einmal auch „meine liebe Frau“ sagen zu können.

Aufgrund dieser Begegnung kommen auch die Themenfelder Ehe, Liebe und Geschlechterrollen auf. Aber Roland, wie Hilde zuvor, denkt auch an den Tod. Er erzählte von einem früheren, prägenden Erlebnis: das „Begräbnis des jungen Mädchens, das alle so gern hatten.“ Er schließt seinen Brief mit der Zuversicht „auf einen dauerhaften Frieden.“

Oktober 1938

Aus Rolands Brief liest Hilde heraus, wie edel er in seinem Denken und Handeln sei und schreibt mit Blick auf ihre Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft: „Ein hohes Ziel ist uns gesetzt.“

Jedoch erfasst sie ein „heißer Schreck“ als sie glaubt, Roland in der Kirche „sitzen zu sehen.“ Sie besprechen die Fotos von dem Besuch, ihre Wanderungen, Schallplatten. Roland hat die Kosten für den Besuch getragen, aber Hilde ist nicht sicher, ob sie sich den Wirtsleuten gegenüber recht benahm und hätte fragen müssen, ob sie ihnen für ihre Gastfreundschaft etwas schuldig sei oder ob sie ihnen Trinkgeld hätte geben sollen. Hilde läßt sich von Roland beraten.

„Frieden ist im Land“, fügt sie hinzu, „wie wert um dieses Wort ist.“ Immerhin merkt sie, dass sich auch Flüchtlinge bei ihr befinden: etwa 70 Tschechen. Sie beschreibt ihre Bewachung sowie die Tatsache, dass Neugierige, die „unnütz rumstehen“, eine 1 RM Strafe zahlen müssen. Roland merkt die Mobilisierung der englischen Flotte und der Armeen Belgiens und Hollands an. „Es stand auf des Messers Schneide.“ Roland erwägt allen Ernstes, nach München zu fahren, „um Zeuge der historischen Auffahrt“ zu sein. Der „Bruder Soldat“ schreibt aus Kratzau in Böhmen, „er ist also mit unter den einmarschierenden Truppen.“

Sie diskutieren und besprechen die Ahnenforschungen, die sie beide betreiben, und die Vorbereitung auf einen möglichen Angriff. Roland und seine Wirtsleute machen den Luftschutzkeller gebrauchsfertig und auch Hilde wird auch im Luftschutz ausgebildet und sie beschreibt Lehrstunden—mit Themen wie Bombenarten, Gasmasken, Schutzräumen, Brandverhütung—sowie ihren Erfolg bei der Fliegeralarmprobe.

Roland beschreibt einen Ausflug mit einem älteren Kollegen, einem Oberlehrer, mit dem er Politik, Kunst, Wissenschaft, Bücher und Konzerte besprach. Diese Beziehung vergleicht er mit der zu Hilde. Er erinnert sich: „Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal einen Menschen so recht von Herzen liebgehabt?” Hilde hatte diese Frage im ersten Brief gestellt. „Mit dieser Frage und diesem Geständnis“ erinnert er sich, „haben Sie an einen [sic] tiefen, himmlischen Schmerz gerührt. Sie war der Schlüssel zu meinem Herzen und meinem Vertrauen. Ich habe weinen müssen damals.“ Roland erzählt von dem Misstrauen zwischen ihm und seinen Eltern, weil sie ihre Liebe zurückhielten oder nicht ganz geteilt hätten.

Beide reflektieren über den Werdegang ihrer Beziehung bisher, ihren regen Briefwechsel und das Briefeschreiben.

Auf Basis eines Gesprächs, das Roland mit einem Pastor, der auch „unverbesserlicher Junggeselle“ gewesen sei – über Ehe, Liebe, und Geschlechterrollen in Deutschland und anderen Länder geführt hatte, diskutieren Roland und Hilde diese Fragen weiter. Darüber hinaus besprechen sie Filme und Romane. Hilde erzählt von einem Traum über Roland. Sie besuchen die Oper und sprechen über das kalte Wetter und den grauen Alltag. 

November 1938

Spannung gibt es bei dem letzten Besuch im Oktober und beim Abschied; nachher Unruhe und böse Erinnerungen. Unangekündigt kommen Nachbarn und Verwandte an, alle Augen sind auf Hilde gerichtet, und beide haben nichts sagen können. Hilde zufolge gab es „zuviel Aufpasser, zuviel zudringliche Blicke, zuviel Zuschauer. Das hat uns beide unsicher gemacht.“ Sie fühlt sich unerfahren in Beziehungen und dass sie „noch zu wenig gemeinsame Erlebnisse“ verbinden, um volles Vertrauen zu haben. Laut Roland sei Hilde „[g]anz ohne Schuld“: er habe ihr wehgetan. Diese Geschehnisse erinnern Roland an sein abgebrochenes Musikstudium, als er ein Konzert geben musste, das ihn überforderte und er „einmal, zweimal“ stecken blieb. Es war zu früh, meint er, für so eine öffentliche Probe. Sie erleben starke Einsamkeit, erbeten sich noch mal das gegenseitige Vertrauen, was zu einem Gespräch über Vertrauen führt. Sie sind sich aber einig, weiterhin fremde Blicke meiden zu wollen, und Roland lernt langsam, wie stark Hilde sein kann. Wenn sie beisammen sind, freuen sie sich wie nie zuvor.

Rolands „Bruder Soldat“ kommt aus Böhmen und eine Bekannte von beiden aus dem Sudetenland zurück, und

„beim Durchmarsch durch Chemnitz, hat er die Anschläge bewundern können, die man auf die jüdischen Geschäfte verübte. Alles ist wieder mal aufgeregt und gespannt, wie sich die politische Lage weiter entwickeln wird. Zu allen Städten sollen diese Aktionen vorgenommen worden sein?“

Sie reden auch von Theaterstücken, Chor, Kirchen- und Hausmusik, das unfreundliche Wetter, und noch mal über neue Bücher. Sie reden über eine alte Freundin von Roland, mit der Hilde auch befreundet gewesen war. Roland kritisiert die Idee, eine Freundschaft fürs Leben durch eine flüchtige Begegnung anzufangen sowie die Auflockerung der Sitten in den Nachkriegszeiten. Sie feiern den Totensonntag und den Adventssonntag. „Es ist uns,“ berichtet Hilde, „als sei die Welt verwandelt, als sei es nicht mehr so dunkel.“ Sie besprechen wieder Bilder, Musik, Fotos, Wanderungen, Kameradschaftsabende. Hilde muss die Annäherungen eines Jugendfreundes höflich verneinen, der nun eine militärischen Laufbahn einschlägt.

Dezember 1938

Es dauert lange, bevor sie sich einigen können, wie Hilde sich gegenüber diesem jungen Mann verhalten soll. Roland wundert sich, warum Hilde dem jungen Mann nichts von ihm erzählte; und sie vergleicht diesen Zustand mit dem seiner ehemaligen Freundin. Roland erkennt durch diese Diskussionen, wie sehr er Hilde schätzt und wie gewachsen er sei, seit sie Freundschaft verbindet. Er gibt ihr aber die volle Freiheit, die Sache zu lösen, wie sie es will, und sie ist über sein Vertrauen sehr dankbar. Roland beschreibt ihre Beziehung weiterhin als Vertrag, die er mit politischen Abkommen vergleicht. Beide sind frei, sich besser kennenzulernen, die Freundschaft zu vertiefen, oder auf mehr Distanz zu gehen.  

In Dezember machen sie viele Besuche und sie feiern viel mit ihren Familien. Sie machen Adventskränze, essen Pfefferkuchen, knacken Nüsse. Girlanden hängen auf den Straßen. Als Roland die Bilder zeigt, wird er gefragt, wer die Dame sei und er muss seinen Eltern gegenüber eine Geschichte erfinden. Sie reden von Krankheiten, der Singstunde, Musik, Bücher, Untreue und Eifersucht, Angst vor Gewitter, und den Ausbruch von Diphtherie, von den grauen, undurchdringlichen Wolken, von der Trostlosigkeit, die mit dem Winter kommt, und die Freude an den Feiertagen. Sie kaufen Geschenke für andere und tauschen Geschenke aus. „Im Rahmen des Möglichen“ meint Roland, „möchte man gern einen richtigen Wunsch erfüllen.“ Hilde schickt Roland einen Kranz zum Nikolaustag. Im Dezember hat Roland auch Geburtstag und dadurch wagt es Hilde, ihre Briefe einen Grad herzlicher abzufassen und sie teilt ihm dies auch mit.

Beide genießen Weihnachten als weltlichen und himmlischen Feiertag. Roland besorgt einen Schmuckstück für Hilde aus friesischer Filigranarbeit von der Nordseeinsel Amrum, die er mal besucht, und tauft sie „mein liebes Friesenkind.“ Er erzählt von seinem Hang nach dem Westen, seiner Sympathie für die Engländer, wie gerne er nach Norden reiste und von den körperlichen Zügen dieses nordischen Volksstammes der Friesen. Hilde beschreibt den Weihnachtsabend in kleinen Details, auch wie sie haltlos weinte, als sie Rolands Briefe las und lauter Geschenke von Roland, ihren Eltern und ihrem Chef auspackte. Hildes Mutter hat ihr auch weiteres Silber für die Aussteuer geschenkt. Hildes Mutter trifft die Entscheidung, Roland selber anzuschreiben. Hilde schenkt Roland ein Mahagoniholzkästchen und frische Nelken.

Mit Blick auf das neue Jahr denken sie über die Vergangenheit sowie die Zukunft nach. Roland bewundert Hildes Gütigkeit sowie ihre Mut, einen 13 Jahre älteren Mann anzuschreiben und von der Liebe zu reden. Der Altersunterschied stört ihn noch, aber jetzt, betrachtet er sich als ihr Beschützer und Berater. Er bittet sie, ihre „liebe Hand recht oft“ zu reichen, sogar:

„Wang an Wange lehnen … aber küssen — liebe [Hilde], verstehen Sie mich jetzt recht — darf ich Sie noch nicht. … Erst wieder vielleicht zum nächsten Geburtstag. Mit diesen Aussichten und Vorsätzen dürfen wir mutig und zuversichtlich dem neuen Jahr entgegensehen.“

T&SavatarsmHilde ist von der Aufregung krank geworden.