06. Mai 1942

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[Saloniki] Mittwoch, den 6. Mai 1942

Herzensschätzelein! Mein liebes, teures Weib!

Feierabend ist. Kurz vor sieben Uhr. Der Federhalter ist bald heißgelaufen. Das ist ein wenig übertrieben. Denn mit der Feder wird das wenigste geschrieben. Und so scharf war das Arbeitstempo am heutigen Nachmittag gar nicht, obwohl Arbeit genug daliegt. Aber was nicht gerade eilt, kommt auch morgen noch zurecht.

Der Mittwochnachmittag ist mehrfach unterbrochen durch die Gesundheitsbesichtigung, durch die Hauptmusterung (das ist die Gelegenheit, bei der sich die auf vielen Dienststellen verstreuten Soldaten einmal in der Woche zusammenfinden) und durch das warme Abendessen um 5 Uhr. Mittwoch- und Sonnabendnachmittag gibt es das. Ich habe bisher des langen Weges wegen meist darauf verzichten müssen – jetzt kann auch ich es mitnehmen, es gibt nämlich abends dafür schmalere Beikost. Ich sitze in der Schreibstube. Zur Linken geht der Blick auf den großen Platz. Die gegenüberliegenden Häuser glänzen im Abendschein. Viel[e] Menschen kreuzen den Platz, denn in den Ecken münden die Straßen. Kaum, daß wir des Tag[‘]s einmal Zeit finden hinunterzusehen. Nach links vorn geht der Blick zum Kai und zur Meeresbucht. Viel[e] Kähne, die dort vor Anker liegen und mit denen die Wellen die lustigsten Spiele und Verrenkungen üben. Obwohl sonnig, war es heute doch kühl. Uns[e]re neue Wohnung bekommt nur etwas Morgensonne. Kleine vorspringende Dächer schirmen die Mittagssonne gänzlich ab. Gegenüber unserem Hause liegt das Hotel Manchester (englischer Städtename), um den Sims im ersten Stock aber läuft eine Umschrift: „Kraft durch Freude, Künstlerhaus.“ Eben genießen da zwei –rinnen [wohl Nachrichtenhelferinnen] noch die letzte Sonne, sie sind kaum zu erkennen hinter dem hohen Balkon. Über unseren Platz führt auch der Weg der Nachrichtenhelferinnen vom Quartier zum Dienstgelände. Meist kommen sie in Begleitung – die städtischeren in Begleitung von Offizieren, die aus der Provinz mit ‚gewöhnlichen‘ Landsern. Wie manche wird vergeblich warten, daß einmal ein Versprechen ihr eingelöst wird. Aber Versprechen, das ist ja beinahe schon ein altmodisches Wort – so wie Grundsätze allmählich altmodisch werden – das wechselhafte, ‚sprühende Leben‘ tritt an seine Stelle. So wie Verwurzeltsein und Beheimatetsein allmählich leere Begriffe werden – Zigeunerleben ist das Los heute der meisten. Ja, Herzelein, so kann es eines Tages geschehen, daß wir mit unseren Grundsätzen und Auffassungen, mit unserem Ernst und Verlangen nach Tiefe ganz altmodisch und allein dastehen. Es soll uns nicht bekümmern, es soll uns nicht irre machen in unseren Überzeugungen, es soll uns nicht abbringen von dem eingeschlagenen Weg. Die ‚moderneren ander[e]n‘ unterscheiden sich von uns nicht durch einen anderen Weg – sondern durch Weg- und Ziellosigkeit.

Herzelein! Jetzt bin ich vom Abendbummel zurück. Es ist doch gut, wenn man seinen ganzen Menschen mal ein bißchen auslüftet. Früher tat ich das doch jeden Tag. Es ging gar nicht ohnedem. Aber schon, daß man an eine bestimmte Stunde gebunden ist, so spät erst ausgehen kann, erst sich extra lange fertig machen und noch eine Urlaubskarte holen muß, das hemmt die Entschlußkraft – besonders aber, daß die Möglichkeit zu einem richtigen, erholenden Bummel gar nicht gegeben ist, so wie etwa in L.hain nach dem P.Berg oder in O., richtiger L., in den Stadtpark, ein Bummel, bei dem man selber zur Ruhe kommt und mit sich selber ins Reine. Es ist immer ein Menschengewimmel, man muß sehen, wie man sich durchzwängt, es ist städtisches, Getriebe. Ach Geliebte! Herzelein! Wenn ich daran denke, dann fühle ich die Fesseln der Unfreiheit so sehr. Unfreiheit ist nicht nur doch dort, und erst dort, wo das Leben und der Tag nach Pfiffen abläuft oder man Schritt und Tritt in der Kolonne marschiert. Unfreiheit ist schon dort, wo man gezwungen ist, in der Menschenmasse zu leben, in der großen Stadt, dort, wo schon eine Brise frischer Luft eine Seltenheit ist. Du kannst es mit mir empfinden, Herzelein: am freiesten und wohlsten fühlte ich mich daraufhin gesehen in L.hain. Es ist geradezu ein bevorzugter Ort. Und zu der tatsächlich freien, gesunden Lage kam der Eindruck der beherrschenden, freien Höhe, zumal beim Blick nach dem Elbtal und der Sächsischen Schweiz. Sonst habe ich von da, von den Menschen allgemein und der Schularbeit, nicht den besten Eindruck. Was müßten in solch[‘] freiem Ort für freie, weitherzige Menschen wohnen! Aber die schlimmere Unfreiheit ist doch die des Herzens. Gegen eine Überzeugung handeln und leben müssen, im Unfrieden leben mit den Nachbarn, den Kameraden, in Unfrieden womöglich mit seinem Weib, immer auf der Hut sein, in ewigem Mißtrauen – das kann wohl dieses Leben zur Qual zur Hölle machen, das schafft ein[e] Atmosphäre, in der ein freiheitliebender Mensch ersticken muß. „Es ist die Freiheit kein leerer Wahn“ – Heute sah ich in einer illustrierten Zeitung Bilder über die japanische Jugenderziehung. Bild 1) Exerzierende Mädchen mit dem Gewehr!! Bild 2) Vor Beginn der Übung grüßen die Mädchen in der Richtung des Hauses des Tenno.

Herzelein, empfindest Du auch so wie ich? Das Herz will sich mir krampfen vor Schmerz und Wut. In solchem Lande der Verkrampfung möchte ich nicht leben, solchem verrückt gewordenen Volke möchte ich keine Kinder schenken, dem kann ich nur den Untergang wünschen! Nur den Untergang!!!! Noch ist es bei uns nicht so weit – noch darf man hoffen, daß ein paar vernünftige Menschen obsiegen über die ander[e]n, denen diese Beispiele nachahmenswert erscheinen, darf man hoffen, daß mit einer beherrschenden Stellung in Europa die Deutschen gezwungen sein werden, ihren Horizont etwas weiter zu spannen, etwas freiheitlicher und großräumiger zu denken, daß die kleinen Bonzen und Terroristen eines Tages ihres Felle fortschwimmen sehen, daß für kleine Stänkereien und Intrigen keine Zeit mehr sein wird. Ach Geliebte! Ganz gleichgültig ist es doch nicht, in welchem Staat und Volke man lebt, und in welcher Verfassung dieses Volk lebt. Möchten doch Freiheit und Vernunft walten einst im befriedeten Lande!

Herzelein! Heute bist Du wieder in Deiner Kinderschar gewesen. Ob zu Hause wohl auch solch[‘] schöner Tag war? Die Zeiger rücken wieder auf 11 Uhr. Ein Kamerad [wohl: schnieft] schon, erst ist der fünfte in unserem Zimmer, heute vom Urlaub zurückgekehrt. Morgen wird der sechste eintreffen. Dann ist die Belegschaft vollständig.

Bei uns[e]rer Abberufung zum Kursus dreht es sich noch darum, ob auc[h] Ersatz gestellt wird für uns. Das wird sich morgen entscheiden und damit endgültig, ob wir ziehen müssen.

Herzelein! Nun will auch ich mich ins Bettlein legen. Ach Du! Du!!! Ich denke so lieb Dein, sooo lieb, immer!!! Ich habe soviel Sehnsucht nach Dir, nach Deiner Liebe und Zärtlichkeit, nach unserer Freiheit, nach unserem gemeinsamen Leben! Schenke Gott es uns recht bald in Gnaden!

Er behüte Dich auf allen Wegen!

Ich habe Dich sooo sehr lieb! Du bist mein ganzes Glück! Oh Herzelein! Mein einziger, liebster Lebensgefährte! Mein Alles! Meine Sonne! Meine Freiheit! Mein Leben!!!!! !!!!! !!!

Du mußt mir bleiben! Ich halte Dich sooo fest!

Ich bleibe ewig Dein [Roland]

Eine Antwort auf „06. Mai 1942“

  1. Es ist sehr interessant zu lesen, wie abwertend Roland die japanische Erziehung beurteilt, wo doch die Erziehung durch die Nationalsozialisten ähnlich autoritär und militarisiert war. Auch seine Einschätzung, dass „mit einer beherrschenden Stellung in Europa die Deutschen gezwungen sein werden, ihren Horizont etwas weiter zu spannen, etwas freiheitlicher und großräumiger zu denken, daß die kleinen Bonzen und Terroristen eines Tages ihres Felle fortschwimmen sehen, daß für kleine Stänkereien und Intrigen keine Zeit mehr sein wird“, ist angesichts der Zeit und der Gefahr der Zensur überraschend!

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