11. Mai 1941

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Sonntag, am 11. Mai 1941.

Herzallerliebster!! Du mein lieber, guter [Roland]! Herzlieb mein!!

Der erste der 3 Eisheiligen tritt heute vor. Man spürt’s ja auch! Schneegestöber noch und noch, ich glaube, heute schneit es bloß einmal. Du! Ich hab[‚] das scheußliche Wetter aber bald satt! Dabei bin ich nun sooo brav! Und alles nützt nischt! Na, wenn mein Hubo nur kommen wollte, da gäb’s sicher einen Sonnenschein, wie wir ihn lange nicht mehr gesehen! Du! Als wir uns noch trafen einst, aller [sic] 4 Wochen, weißt Du [n]och? Wie ausgesucht herrlich das Wetter jedesmal war? Jetzt, seit mein Lieb fort ist von Deutschland, ist auch die liebe Sonne fort! Mußt recht bald heimkommen, Du!! Sonst erfriere ich Dir! Magst mich gern wärmen? Du??!!!

Heute war nun unser großer, feierlicher Tag in der Kirche. Kantate und Ehrung der Kantorei. Recht sinnig hatte der Pfarrer alles ausgestaltet. 2 Mitglieder der Kantorei wurden für 20 jährige Treue öffentlich geehrt. Herr St. und Frl. Sch. Die Predigt hielt der Universitätsprofessor Dr. G. aus Jena. Ein sehr feiner, kluger Mann. Er sprach über den Sinn und die Beständigkeit des Glaubens. In sehr klaren Umrissen stellte er das heraus, was in unseren Tagen der Schicksalsnähe uns Menschen besonders nahe gelegt werden muß: nicht menschlicher Wille und menschliche Kraft sind es, die das Geschehen formen, sondern eine göttliche Macht, die über allem tront [sic].

Gott ist unerbittliches Schicksal – Gott ist aber sehr viel mehr noch – in diesem Sinne sprach der Geistliche zu uns.

Und nicht zuletzt flocht er auch den Leitspruch des heutigen Kantate – Sonntags mit ein: Lobsinget Gott!

Kurz, heute hatte man das Gefühl, als man das Gotteshaus verließ: hier sprach ein echter Glaubensstreiter zu euch; einer, der sein Leben, das er als ein Lehn aus Gottes Hand empfing, gut und recht zu führen gewillt ist, der es seinen Mitmenschen weihen will und zum Segen für viele unter uns Menschen machen will. Herzlieb! Wenn man wieder einmal solch einen Mann mutig und rückhaltlos eine Sache vertreten sieht und hört, dann kann man nur umso mehr gestärkt in der Gewißheit davongehen, daß unser Christenglauben unauslöschlich bleibt, solange noch gute Menschen auf dieser Erde leben. Ich wünschte mir heute bei der Predigt ein paarmal, Du möchtest doch bei mir sein und mit hören, was der Mensch da von der Kanzel uns sagt. Viel mehr solcher Unerschrockener müßten hierfür da sein!

Es ist gewiß, die kommende Zeit wird viel viel Kampf und ernste Auseinandersetzungen bringen – aber, wir werden es erleben – den Marktschreiern wird bald der Mund gestopft sein – es wird sich herausstellen, was ewig währt.

In welch großer, tiefernster Zeit leben wir doch!

Wohl dem, der an seinem Glauben immer wieder die Kraft dazu findet, dieses Leben zu ertragen, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen. Ob wir jemals die Wende, die Wen[de] zum Guten in diesem Kampf um den Glauben miterleben können? Voller Fragen ist der Mensch.

Einst wird uns Antwort werden darauf.

In der Welt ist heute noch so vieles, was ungeklärt vor uns liegt – auch darüber fordert der Mensch Klarheit und wenn sich der Einzelne noch so müht, das Dunkel zu durchdringen – aus eigner Kraft wird es ihm nie gelingen. Gott steht über allem. Und ohne seinen Spruch geschieht nichts in dieser Welt.

Ist es vermessen, wenn wir armseligen Menschen uns in seinen Plan einbezogen glauben?

Auch diese Frage, die wir uns selbst schon stellten, erörterte heute der Geistliche. Und er beantwortete sie:

Ja! Gott will aber gerade diese Vermessenheit von uns, daß wir glauben, wir sind alle, alle in seinen Plan einbezogen.

Herzlieb! Du und ich, wir sind uns auch in dieser Frage, der Frage des Glaubens einig. Und das ist sehr viel wert. Wir sind noch lange nicht fertig damit und wenn wir auch einst uns[e]re Zeit hier auf Erden erfüllt haben, diese Frage um das Göttliche ist so unerschöpflich, daß wir auch dann noch nicht [b]is ins Letzte eingedrungen sind; es wird uns immer etwas davon verborgen bleiben, weil wir zu sehr Mensch sind, um diese Gotteswunder gänzlich zu fassen und zu ermessen.

Aber, was unser Geist auch nur aufnehmen kann davon, das wollen wir ihm zuführen, und ich freue mich auf die Zeit, mein [Roland], da Du mit mir auch von diesem Großen und Wunderbaren sprichst und mit mir zusammen erleben wirst das Göttliche in der Welt. Mögest Du mir recht, recht bald für immer heimkehren, damit unser Leben, unser eigenes, gemeinsames, nun beginnen kann! Du!! Du!!! Geliebter!

Als ich heimkam von der Kirche, war Post da. Vater [N.] aus B. schrieb mir noch einmal, daß er mich für heute nach dort einlädt, sie seien ganz unter sich. Die Geschwister seien nicht geladen. Das war nun freilich zu spät. Ich hätte aber sowieso keine Lust gehabt heute. Und noch dazu bei diesem Sauwetter! Weißt, so vertraut bin ich nun mit Onkel Erich u.[nd] Tante Liesel doch noch nicht, daß ich gleich 2 Tage bei ihnen bleibe. Wenn Du dabei wärst, da ist’s was and[e]res! Ich besuche sie schon mal nach Pfingsten, da verbinde ich dann gleich das Geschäftliche damit. Ich bringe Rhabarber mit u.[nd] bestelle die Erdbeeren beim Bauer C..

Und nun zu Siegfrieds Brief! Also weißt; dieses Original muß ich Dir gleich mal mitschicken! Da kannst Du am besten beurteilen, in welchen Graden sich unser Briefwechsel bewegt. Wenn von ihm was eintrifft, so juckt es schon in meiner Rechten, ihm so bald wie möglich die rechte Antwort zu geben, weißt? Ich hab[‚] ja heute so gelacht! Schreib ihm nur mal, Brüderlein! Und hau ihm eine saftige runter! Von wegen Martrosenwasserörgel [sic]!!

Der kleine hat den goldigen Humor von der guten Mutter! Wo wird man ihn denn nun hinstecken? Hellmuth befindet sich tief in Polen, in einer der vielen Kasernen, wie ich hö[r]te.

Weißt, einen Sonntag kriegte ich ’nen Schreck!

Ein Geschäftsbrief : „an die Besetzerin [Hilde Nordhoff]“

Vom Finanzamt B.. Sie fordern meine Steuerkarte von 1940 an (die hatte ich noch in meinen Akten) nebenher war auch noch ein Vordruck auszufüllen, aber nur amtliche Sachen.

Bin bloß neugierig, ob das was Besonderes nach sich zieht!!!

Mer wern’s derläm [Mundart: Wir werden es erleben]! Bange machen gilt nicht!

Herzlieb! Nun will ich noch ein wenig Sonntag halten. Um 4 Uhr kommt uns Frl. S. besuchen, wir machen Handarbeiten. Und hören uns das Wunschkonzert an. Ich hab ’nen Kuchen ,oh[n]e‘ (Butter) gebacken, den lassen wir uns mit reichlich Spitzbohnenkaffee schmecken! Ich denke dabei ganz lieb und innig Dein! Du!!! Wo und wie wirst Du heute Sonntag halten mein, [sic] Herzlieb Du? Ich hoffe sicher, am 13. Mai kommt endlich ein Brief von Dir! Nun mein Sonnenschein, sei tausendmal lieb und herzlich gegrüßt und geküßt! Ich bin mit meinem Herzen stets bei Dir!! Du mein Glück! Mein Leben! Ich kann ja garnicht mehr sein ohne Dich! Ach, Du weißt es, Geliebter!!! Gott behüte Dich mir! Er führe Dich bald für immer heim. Ich bin ganz Dein! Ich liebe Dich sooooo innig! Du!!!!!!!!!!

Behalte recht lieb Deine [Hilde], Deine Holde. Du!!!

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