10. September 1940

Bundesarchiv Bild 146-1981-053-35A, HJ beim Schießunterricht.jpg
Eine Aus­bil­dung an der Waf­fe be­ka­men be­reits Ju­gend­li­che in der Hit­ler­ju­gend. Hier in ei­nem Wehr­ertüch­ti­gungs­la­ger, Ort und Da­tum un­be­kannnt, Au­tor un­be­kannt. DBa, Bild 146-​1981-​053-​35A /​ CC-​BY-​SA 3.0, li­zen­ziert un­ter CC BY-​SA 3.0 de über Wi­ki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Don­ners­tag, den 10. Ok­to­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Mit­tags­pau­se ist. Ein rüh­ri­ger Tag ist heu­te. Heu­te vor­mit­tag ha­ben wir mit Platz­pa­tro­nen ge­schos­sen, je­der Mann 2×3 Schuß. 5 Mi­nu­ten ist man d[a]ran und 2 Stun­den steht man her­um. Bei die­sem Schie­ßen kann man nicht se­hen, was man ge­trof­fen hat. Es ist le­dig­lich ein Ziel­übung und soll mit dem Schie­ßen über­haupt ver­traut sein ma­chen. Sonst lege ich mich meist ein we­nig lang. Aber heu­te bin ich gar nicht müde. Und mei­ne freie Zeit weiß ich eben nicht bes­ser aus­zu­fül­len, als mit Dir, Liebs­te, zu plau­dern, mein Brief­chen zu be­gin­nen, wenn ich auch gar nicht recht weiß heu­te, was ich schrei­ben soll. Et­li­che Ant­wor­ten von Dir ste­hen noch aus. Und von Dei­nem letz­ten Brief her sehe ich Dich nun im­mer auf[‚]s Bett ge­stürzt lie­gen und wei­nen vor Schmerz und Weh um uns[e]re Tren­nung, um Dein Al­lein­sein. Und ich muß von wei­tem zu­se­hen, kann Dich nicht trös­ten, kann Dich nur ver­trös­ten. Es ist so trau­rig. Du bist al­lein, ich weiß und füh­le es, Du, auch bei mei­nen, bei Dei­nen El­tern. So al­lein wie ich. Weil wir zu­sam­men­ge­hö­ren, weil wir ein­an­der nun in­ni­ger ver­bun­den sind als mit Va­ter und Mut­ter. Daß wir uns ein­sam und ver­las­sen füh­len, gibt uns die Ge­wiß­heit, daß wir ein­an­der lieb­ha­ben, daß wir ein­an­der nur schmerz­lich ent­beh­ren kön­nen.

Der Dienst ist be­en­det. Auf die­ses Ende freue ich mich so, weil dann Dein lie­ber Bote kommt. Und er kam wie­der, der vom Mon­tag. Zwi­schen K. und Kiel also 3 Tage, zwi­schen O. und Kiel ei­nen Tag. Sei recht be­dankt da­für. Du hast ge­weint um mich, Herz­lie­bes! Wie es mich mit Dir be­trübt, und wie ich mit Dir füh­le, nun Du den Schmerz über­wun­den hast, so be­se­ligt mich der Ge­dan­ke, daß Du mich liebst über alle Ma­ßen. Herz­al­ler­liebs­te, Du al­lein, der ein­zi­ge Mensch auf die­ser Erde, der um mich wei­nen mag aus tie­fer Lie­be. Mein lie­bes, teu­res Weib!

Nun willst Du ver­rei­sen. Du schreibst mir von Dei­ner Ab­rei­se am Frei­tag. Wann willst Du zu­rück? Herz­al­ler­liebs­te, schrei­be es mir, bit­te, auch wann Du nach O. zu­rück­willst, da­mit ich mit Dir rei­sen kann, da­mit mein Bote Dich fin­det, Du! Ich ver­fol­ge Dich, Du! im­mer [sic], ich las­se Dich nicht aus den Au­gen, bin Dir im­mer auf den Fer­sen! Weißt [Du] doch, daß ich schon frü­her gern Dir nach­s­tieg, Du! Ja, nun sollst Du wie­der ei­nen an­de­ren Le­bens­kreis ken­nen ler­nen, ein Mä­derl­haus dies­mal. Ganz ei­gen­ar­tig ist mir zu­mu­te, wenn ich Dich beim Vor­ha­ben die­ses Be­su­ches sehe. Wie so wun­der­sam ver­schlun­gen die Wel­len ei­nes See­spie­gels, der ge­stört wur­de, so sehe ich nun die man­cher­lei Stre­bun­gen und Sym­pa­thi­en und Sehn­süch­te sich kreu­zen auf mei­nem Schick­sals­see. Und ein paar ganz gro­ße kräf­ti­ge Wel­len­rin­ge stre­ben von der Mit­te die­ses Sees nach den Ufern, sie drän­gen die fla­chen Well­chen bei­sei­te. Der Stein, der die gro­ßen di­cken Wel­len schlägt, wer ist das? Du, Herz­lie­bes! Und selt­sa­me Fü­gung des Schick­sals! Nun siehst Du Dich zwei Mäd­chen ge­gen­über, die schick­sal­haft ein­mal an mein Le­ben tra­ten. El­frie­de, Du weißt, und Li­se­lot­te. Wie wird Dir zu­mu­te sein? Ich mag Dir nicht ban­ge ma­chen. Und wenn Du die­sen Brief er­hältst, sind die al­ten Ge­füh­le und Er­in­ne­run­gen schon wie­der ver­sun­ken und ver­ebbt. Ein­mal habt Ihr Euch ja schon ge­se­hen, und schnell wer­det ihr euch [sic] wie­der­an­freun­den. Und nun sehe ich euch [sic] im Geis­te vor mir ste­hen, be­lau­sche euch [sic], voll Se­lig­keit und Ju­bel im In­nern über die Eine!, über die Mei­ne!, und wenn ich noch ein­mal die Wahl hät­te, kei­nen Au­gen­blick, kei­nen Herz­schlag wür­de ich zö­gern, wür­de Dich voll Stolz und Freu­de bei der Hand neh­men und Dir die Kro­ne rei­chen, mein lie­bes Weib! Na­tür­li­cher, weib­li­cher, ein­fäl­ti­ger, gü­ti­ger und wei­cher bist Du, mein Lieb! Vor­zü­ge sind es in mei­nen Au­gen, um de­rent­wil­len ich Dich lie­be. Aber mehr als das bin­det uns das ge­heim­nis­voll ver­schlun­ge­ne Bund ei­ner schick­sal­haf­ten Lie­be und Fü­gung. Wir sind für­ein­an­der be­stimmt, Du und ich! Wirst mir denn auch ein­mal schrei­ben, Herz­al­ler­liebs­te, von Dei­ner Rei­se? Ich hör­te gern et­was von Dei­nen Ein­drü­cken, die wirst Du in Ruhe na­tür­lich erst in K. auf­zeich­nen kön­nen. Was Du auch schrei­ben magst, die­se eine Ge­wiß­heit steht in mei­nem Her­zen un­um­stöß­lich: Kein lie­be­res Men­schen­kind kann ich fin­den auf die­ser Welt, kei­ne and[e]re als Du kann mir so ganz mei­ne Sehn­sucht er­fül­len! Ein schö­nes Stück­chen Erde, ei­nes der schöns­ten uns[e]rer Lau­sitz­hei­mat wirst Du se­hen. Ei­nes noch, Herz­lie­bes! Sieh Dich vor und hal­te Dich sehr warm, da­mit Du Dir kei­ne Er­käl­tung holst. Das Her­mann­sche Haus ist kalt. Set­ze Dir auch ei­nen Tag für die Rück­rei­se und laß Dich nicht ins End­lo­se zum Län­ger­blei­ben nö­ti­gen.

Ich rech­ne, daß die­ser Bote Dich am Sonn­tag er­rei­chen wird. Die an­de­ren ge­hen alle nach K.. Wo wirst Du am Sonn­tag Dei­ne lie­ben Gu­ck­äug­lein auf­schla­gen? Ach ich weiß, wo auch im­mer, auf ih­rem Grun­de steht mein Bild. Des­sen bin ich froh ge­wiß. Und Du sollst füh­len, daß ich im­mer an Dei­ner Sei­te ste­he.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Gott be­hü­te Dich auf al­len We­gen!

Blei­be froh und Ge­sund! Rei­se glück­lich!

Du! Mei­ne [Hil­de]! Ich lie­be Dich auch mit Dei­ner Weich­heit, mit Dei­ner lei­sen Schwer­mut! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen! Ich lie­be Dich über al­les in die­ser Welt!

Ich mag nur Dir ge­hö­ren und blei­be in un­ver­rück­li­cher Treue

Dein [Ro­land].T&Savatarsm

Eine Antwort auf „10. September 1940“

  1. Kam durch zu­fall auf die­sen Blog. Sehr in­ter­es­san­ter Brief. Lie­be es alte Lie­bes­brie­fe zu le­sen. Die Men­schen frü­her, so scheint es mir, wa­ren viel emo­tio­na­ler und mit mehr hin­ga­be als Heu­te.

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