02. Oktober 1940

Henri Rousseau 005
Henri Rousseau, Der Traum, 1910, Museum of Modern Art, New York. Quelle: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. DIRECTMEDIA Publishing GmbH. Lizenzfrei über Wikimedia Commons, 09.2015.
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Mittwoch, am 2. Oktober 1940.

Herzallerliebster! Du mein lieber, lieber [Roland]!

Heute Nacht träumte ich von Dir. Du brachtest mir Deinen Brief selbst, ich war so freudig erschrocken, als ich auf das Klingeln hinunter sprang und Dich vor der Tür sah, Du! Ich nahm ihn Dir aus der Hand, ungelesen steckte ich ihn weg, zog Dich glücklich am beiden Händen herein zu mir und wir gingen, ohne die ander[e]n zu begrüßen in mein Kämmerlein. Du sahst mich an Liebster, wie Du mich ansahst, o Du! [Du] Zogst mich ganz fest an Dich, ohne mich mit dem Blick loszulassen und — ich war aufgewacht. Nacht war um mich. Ich konnte nicht mehr tief schlafen. Ich sehnte mich so inbrünstig nach Dir, Geliebter. Am Abend, ehe ich schlafen ging, glühten meine Wangen so außergewöhnlich heiß, daß es sogar Mutter auffiel und ich weiß nicht, ob es vom lesen Deines lieben Boten kam, den ich immer wieder an mich nehmen mußte gestern, Du!

Oder hattest Du so große Sehnsucht nach mir, Liebster?

Flugblatt-Luther-Thesen
Flugblatt zum ersten Gedenken der Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers 1517. Quelle: Georg Buchwald, Karl Stockmeyer: Die Geschichte der deutschen Kirche und kirchlichen Kunst im Wandel der Jahrhunderte. Verlag Wartburg, Köln am Rhein, Druck Emil Hermann, Leipzig. Über Wikimedia Commons, 09.2015.
Jetzt in der Mittagspause denkst Du wieder mein? Die rechte Wange ist glühend heiß. Oder hast Du die Bilder erhalten und mußt nun an mich denken? Ach Du, wenn ich Dich doch nur wieder einmal sehen könnte; wenigstens sehen, und sei es nur von ferne, Du! Die Sterne, uns[e]re Sterne Liebster, sie gucken gerade in mein Schlafstubenfester herein, ich hab[’] sie gestern abend lange betrachtet, der Himmel war ganz klar. Ich schlafe mit Mutsch, wenn Papa Nachtdienst hat. Wo Dein Bett steht, nun weiß ich es ganz genau Du! Vorn an der Tür, kannst ganz schnell raus rennen, wenn irgend

(Du! Wo bleibt die Zahlkarte? Lümmel!)

etwas los ist. Nimmt eine ganze Menge Platz ein, Eure militärische Anlage. Wie ist Dir denn nun um’s [sic: um das] Herz, als ‚echter‘ Soldat? Am Sonnabend sah ich einen, wie Du bist! Gelbe Spiegel, auf der Schulter einen goldnen Anker. Schneidig sah er aus, nur unten herum nicht. Er hatte die Hose so verwürgt in den Stiefelschäften stecken. Aber Ihr habt ja nun auch Schuhe und Mantel zum Ausgehen, im Winter. Noch 29 Tage sind bis zu dem vorläufigen Entlassungstermin von Friedrichsort; am Reformationsfest. Ihr könnt vielleicht da oben den Winter eher begrüßen, als wir hier. Na, jetzt reicht es g[e]rade zu mit der Kälte. 31. Oktober — dann ist es nochmal so lange, von Deiner Einberufung ab gerechnet, bis das Jahr 1940 zu Ende geht. Und dann? Ach, was kann alles kommen bis dahin.

Werbung, Biox-Ultra Zahnpasta, Quelle: http://flickrhivemind.net/Tags/werbung,zahnpasta. Wohl lizenzfrei, 09.2015.
Werbung, Biox-Ultra Zahnpasta, Quelle: http://flickrhivemind.net/Tags/werbung,zahnpasta. Wohl lizenzfrei, 09.2015.

Liebster! Heute will die Erika vom Q. S. mit ihrer kleinen Schwester kommen, daß ich mit ausfahre. Ich sehne mich schon, einmal an ^die Luft zu gehen, und ich fahre zu gerne solch kleines aus! Ich fühle mich da richtig stolz. Aber wir sollen vielleicht auch heute die Kohlen [für] die Winterfeuerung kriegen, da muß ich doch dann erst alles scheuern! Das alte Ekel unten tät[e] mich doch sonst grün fressen! Na, wir werden sehen. Denke Dir nur, welch tüchtige Frau Du hast! Ich habe Biox-Ultra Zahnpasta!! In uns[e]rer Apotheke sah ich sie liegen, als ich mich mit ‚Verbandszeug für K.‘ eindeckte. Er wollte sie mir nicht geben, durchaus nicht, er hätte bloß 2 noch. Ich habe ihn aber so in die Enge getrieben den ‚Alten‘, daß er dann lachend meinte: “Ja ja, wer kann auch jungen schönen Frauen widerstehen!” Ich bin ja froh, Du! Die Leute lachten alle. Nun will ich Deine Strümpfe mit Zahnpasta verpacken u.[nd] auf Reisen geben. [Du] Wirst 3 mal hintereinander was bekommen[,] heb nur die Schachteln u.[nd] Bindfäden auf, es soll knapp werden, Du! Herzallerliebster mein, Du bist mein ganzes Glück, meine Welt! Behüt[e] Dich Gott!

In großer Liebe und ewiger Treue

T&Savatarsmganz Deine [Hilde].

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