16. April 1939

[390416-1-1]

L. am 16. April 1939.

Meine liebe [Hilde]!

Wenn Du hättest sehen können, wie ich darauf gewartet und mich auf die Gelegenheit gefreut habe, Dir eine Freude zu bereiten. So wie ich vorige Woche stillhalten und mich beschenken lassen mußte, so mußt Du es nun jetzt, ganz fein still halten, Mund auf und Augen zu, darfst Dich nicht wehren. Du! Wie ich mich freue!

Und nun möchte ich Dir auch mit diesen Zeilen Freude bringen. Ich möchte Dir recht viel Liebes sagen und Dich froh machen. Ich weiß nicht, ob Du es bemerkt hast: Mit drei Worten hielt ich bisher noch zurück, ganz bewußt, ich schrieb sie nicht, ich sprach sie nicht aus. Sie sind in ihrer Bedeutung dem Jawort gleichzuachten [sic]. Wenn ich schriebe: „Ich habe Dich lieb“ oder „Ich muß Dich liebhaben“, so ist das gegen die drei Worte eine abschwächenden Umschreibung. Diese drei Worte lassen sich nicht herbeizwingen. Ich würde sie erst aussprechen können, wenn ich Dich, vor allem aber mich selbst ernst und ehrlich geprüft habe. Müssen wir uns so ehrlich eingestehen, daß uns[e]re Prüfung noch nicht zu Ende ist, so möchte ich doch heute in[’]s rechte Licht rücken, daß wir froh und zuversichtlich sein dürfen und dankbar für das verflossene Jahr.

Das halte ich mir selbst vor, wenn Zweifel kommen wollen: Sind es nicht Zeichen, daß ich liebe?: Ich möchte mich Deiner wert erweisen, möchte Dich beschenken und beglücken, ich sorge mich um Dich, ich möchte Dich um keinen Preis hergeben.

Was wäre ich im vergangenen Jahr gewesen ohne Dich? Verlassen in diesem Neste! In den mancherlei Stürmen! Ich bin an Dir gewachsen. Ich fand einen Menschen, dem ich mein Herz ausschütten kann, dem ich mich zeigen kann, wie ich bin, und dem ich Liebes erweisen kann. Ein Menschenkind stand an meinem Weg — und ein gutes, starkes, tapferes, tüchtiges — das mir so frei und unumwunden und wahr sagte: Ich liebe Dich. Das geschieht mir nie wieder. Daß Du an meinem Wege standest [sic] und daß wir nun miteinander gingen, es ist Fügung und Schicksal, liebe [Hilde]. Schicksal, das ist nicht nur geduldiges Warten und unvermeidliches Hinnehmen, Schicksal ist auch Aufgabe. Sollen wir sie nicht mutig und Gott vertrauend anfassen? Und dürfen wir nicht beide dankbar und ein wenig stolz zurückblicken auf das vergangene Jahr? Ist das Paket Briefe nicht Zeugnis dafür, daß wir das Schicksal auch als Aufgabe anfaßten, daß wir nur mühten? Ich betrachte diesen Briefwechsel als die wichtigste und wertvollste Arbeit des verflossenen Jahres. Haben wir damit nicht schon begonnen, was wir uns als höchstes Ziel steckten: Wir wollen aneinander wachsen. Liebe [Hilde], in diesen Briefen leben wir schon zusammen, wohl erst zur Probe, aber bedenke nur froh, wir sind darüber nicht auseinander geraten, sondern sind uns gerade dabei recht nahe gekommen über vieles Trennende hinweg, Alter und Umwelt. Haben wir nicht guten Grund, zuversichtlich zu sein? Ich möchte mich manchmal zaghaft schelten, weil ich noch nicht einschlug in die dargebotene Hand. Aber wiederum: Gut’ Ding [sic] will Weile haben. Denke, vor einem Jahre kannten wir uns noch gar nicht, und heute darf ich Dir diesen Brief schreiben. Liebe [Hilde], ich muß oft an unser[e]n Weg zur Hohen Liebe denken. Es ist ein eigenartiges Gleichnis. Beschwerlich, holprig, schlüpfrig war der Weg, wir verliefen uns, wurden fast ein wenig ungeduldig und überdrüssig — und ließen doch nicht ab von unser[e]m Plan, wir sind wohl dreimal um den Gipfel geturnt, bis wir ihn fanden. Liebe [Hilde], ich sehe nur einen lohnenden Wunsch: Ich möchte mit Dir weiterwandern. Dir meine Hilfe zu leihen soll mein liebster Dienst sein. Und ich weiß recht gut und habe es schon erfahren, wie stark Deine Hilfe ist und wie ich sie brauche, Du Liebe, Gute!

Und nun darf ich Dir Glück wünschen, meinem Mädchen aus dem Westen, meinem Friesenkind, meiner lieben [Hilde]. Darf denken, daß ihr meine Glückwünsche die liebsten sind, darf hoffen, daß ich mitbauen kann an diesem Glück.

Du, ich küsse Dich und wünsche Dir von Herzen alles Gute. Möge Gott uns den Frieden erhalten! Möge er über Dir bleiben mit seinem Schutz und Segen! Möge er frohen Mut und Gesundheit erhalten Dir und Deinen Eltern!

Ich habe Dich lieb, ich küsse Dich und grüße Dich recht herzlich, Du mein liebes Geburtstagskind!

Dein [Roland].

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Auszug aus dem Brief: das Gedicht von Roland an Hilde zum 19. Geburtstag
Auszug aus dem Brief: das Gedicht von Roland an Hilde zum 19. Geburtstag

Meiner lieben [Hilde] zum 19. Geburtstag.

Viel Blumen standen an meinem Weg,

ich sah sie mit Wundern und Freude,

und winkte und grüßte und tröstete nur:

ein andermal, aber nicht heute.

 

Und eine Blume an meinem Weg,

fast hätte ich sie nicht beachtet,

und weiß noch heute nicht, was mich bewog,

daß ich sie näher betrachtet.

 

Sie stand beiseit [sic], das Antlitz verhüllt;

doch unter meinen Augen

entschleiert sie freundlich ihr holdes Bild

und öffnet sich leise zu leuchtendem Kreise.

 

Und ich stehe wundernd,

kaum wag ich zu atmen,

kaum wag ich zu denken:

die Holde, die Feine,

erblühte für mich nur,

für mich ganz alleine.

 

Doch nun muß ich weiter.

Wer pflegt meine Blume?

Wer schmeckt ihren Duft und trinkt ihren Schein?

Wer schützt die Zarte vor rohen Händen,

vor feindlichen Güssen?

T&SavatarsmJe mehr ich bedenke: Ich kann es nicht wenden,

ich werde sie pflücken müssen.

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