26. September 1940

Hochzeitzbild, Juli 1940
Hoch­zeit­bild, Juli 1940

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Don­ners­tag, am 26. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Ro­land]!

Es ist um 6 [Uhr] abends. Ich habe für heu­te mei­ne Ar­beit ge­tan. Mor­gen will ich die Schlaf­zim­mer dran [sic] neh­men. Da muß es schön drau­ßen sein, nicht so un­be­stän­dig wie heut[e], ich will Bet­ten lüf­ten. Wei­ter­le­sen!

26. September 1940

Walter Benjamin vers 1928.jpg
Der 1933 aus Ber­lin ge­flo­he­ne Phi­lo­soph Wal­ter Ben­ja­min, hier auf ei­nem Foto von 1928, nahm sich in der Nacht vom 26. auf den 27.09.1940 im spa­ni­schen Exil das Le­ben. Fo­to­graf un­be­kannt, Ge­mein­frei über Wi­ki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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Don­ners­tag den 26. Sep­tem­ber 1940.

Mein lie­bes, teu­res Herz, Du, mei­ne lie­be [Hil­de]! Wenn ich auch heu­te von Dir kein Zei­chen er­hal­te (wor­an ich üb­ri­gens nicht glau­be), so will ich doch nicht ver­ges­sen, Dich, wie ich hof­fe mit ei­ni­gen Zei­len zu er­freu­en über Dei­ner gro­ßen Kir­mesar­beit. Nun ist es doch da­hin ge­kom­men, daß wir uns täg­lich schrei­ben, ganz von selbst ist es da­hin ge­kom­men, und Aus­nah­men be­stä­ti­gen nur die Re­gel. Ges­tern konn­te man bei uns vie­le ent­täusch­te Ge­sich­ter se­hen: Uns[e]re Aus­bil­dungs­zeit ist bis zum 31. Ok­to­ber ver­län­gert wor­den! Erst hieß es 14 Tage, dann rech­ne­ten wir mit 4 Wo­chen und nun wer­den es reich­lich [sic] 8 Wo­chen. Was ich dazu sage? Da kann man halt nix ma­chen. Un­ser Zug­füh­rer selbst ist bit­ter ent­täuscht. Er kommt mit uns weg, es ist ihm hier zu öde, au­ßer­dem rech­ne­te er mit Ur­laub nach uns[e]rer Aus­bil­dung. Der Trost dar­über ist ein man­nig­fa­cher: Sol­dat sein müs­sen wir hier und dort. Ob wir es dann bes­ser tref­fen, ist die Fra­ge. Es gibt Schrei­ber­stel­len bei der Kom­pa­nie, de­ren Un­ter­kunft der Bun­ker ist. Wir sind jetzt hier ganz gut ein­ge­rich­tet. Au­ßer­dem bleibt die Mög­lich­keit, daß wir je­den Tag ab­be­ru­fen ^wer­den kön­nen. Bei der Ma­ri­ne ist al­les mög­lich” ist hier auch bei den Vor­ge­setz­ten ein ge­flü­gel­tes Wort. Da fällt mir ein: Wir dür­fen z.B. [bei Frau­en] un­ter­ha­ken, was Sol­da­ten von an­de­ren Trup­pen­gat­tun­gen nicht dür­fen. Ist das nicht ein Vor­zug?

Ein paar Fra­gen aus vor­an­ge­gan­ge­nen Brie­fen ha­ben [sic] ich Dir noch nicht be­ant­wor­tet. Von den bei­den O.ern U. und K. habe ich nichts ge­hört. Sie sind ge­wiß von Stral­sund aus an­de­ren Ab­tei­lun­gen zu­ge­teilt wor­den. Von dem Bom­bar­de­ment des Fried­hofs in Rends­burg ha­ben wir hier nichts er­fah­ren.

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Kar­te Nord-​Ostsee-​Kanal, Au­tor Ma­xi­mi­li­an Dörr­be­cker (Chum­wa), li­zen­ziert un­ter CC BY-​SA 2.0 über Wi­ki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Rends­burg liegt nicht weit ab von uns. Aus den Brie­fen von Ka­me­ra­den geht her­vor, daß in den letz­ten Näch­ten Eng­län­der wie­der in Sach­sen ge­we­sen sind: Grum­bach bei Frei­tal. In Els­ter­wer­da sol­len 6 Bom­ben ge­wor­fen wer­den sein. In der Nacht zum Diens­tag hat es bei uns kurz ge­bal­lert. Alarm ist hier in Schleswig-​Holstein fast jede Nacht, aber das ist ja zu­nächst nur eine War­nung und be­deu­tet noch nicht, daß die Flie­ger wirk­lich kom­men.

Jetzt will ich zur Er­hei­te­rung ein paar Aus­drü­cke aus dem Le­xi­kon der Ko­se­na­men, wie sie hier üb­lich sind, auf­üh­ren [sic]: lau­si­ges, mü­des Volk! ihr [sic] Lüm­mels! Sie mü­der Bra­ten! Sie mü­der Vo­gel! Die­se Aus­drü­cke mußt Du Dir nun schon im Mun­de des Feld­we­bels ge­run­det und mit dem nö­ti­gen Ak­zent vor­ge­tra­gen den­ken. Un­ser Zug­füh­rer ist Ost­preu­ße, hin­ter sei­nem Grol­len steht un­mit­tel­bar das La­chen und Spot­ten.

Ein paar Wün­sche: Ich wäre Dir recht dank­bar, wenn Du mir mal ein paar Äp­fel schi­cken könn­test, wir krie­gen hier ganz we­nig Ge­müs­li­ches [sic] und Obst­li­ches [sic]. Dem Päck­chen kannst Du auch ein[‘] Tube Biox bei­le­gen, die­se Zahn­pas­ta be­kom­me ich hier nicht in der Kan­ti­ne.

Du sprichst vom Gut­fol­gen [sic]. Bei uns ist hier schöns­tes Wet­ter. Ich sit­ze hier zur Mit­tags­pau­se im Frei­en und son­ne mich.

Herz­al­ler­liebs­te! Ich war heu­te schon um 4 Uhr mun­ter und mei­ne Ge­dan­ken und Emp­fin­dun­gen kreis­ten dann um Dei­nen lie­ben Bo­ten von Ges­tern, Du Lie­be! Aber bis zum Sonn­tag ist nicht Muße, mei­ne Ge­dan­ken und mei­nen Dank dar­über wie­der­zu­schrei­ben. Mußt Dich ge­dul­den, Lie­bes!

Es ist wie­der abend. Eben er­hielt ich Dein Päck­chen mit Eu­rem müh­sa­men Lie­bes­werk. Kein an­de­res Zei­chen könn­te mir bes­ser Dein und Dei­ner lie­ben, ja auch nun mei­ner lie­ben Mut­ter müt­ter­li­che Für­sor­ge deut­lich ma­chen. Ich weiß, mein lie­bes Herz, welch si­che­res Fun­da­ment die­se Tu­gend für un­ser Glück bil­det. Und so­viel Sü­ßig­keit habe ich lan­ge nicht mehr ge­kos­tet, seit ich von Dir weg bin.

Eben ist die Ki­no­vor­stel­lung be­en­det. Heu­te war sie nun. [Du] Wirst aus der Sing­stun­de heim­kom­men. Siehst auch mal nach den Ster­nen, Du? Zwei sind Du und ich, ein gro­ßer und ein klei­ner, wol­len wir uns dar­um zan­ken? Ach Du, ich will gern der klei­ne sein und den schö­nen, gro­ßen be­wun­dern. Be­hüt Dich Gott, Herz­lie­bes. Gleich will ich schla­fen geh[e]n. Liegst Du wohl schon im Bett­chen, Lie­bes, Sü­ßes, Du? Ich lie­be Dich, Du! Ich bin Dein, ganz Dein für alle Zeit

Dein [Ro­land].

bit­te [sic], grü­ße die lie­ben El­tern, der lie­ben Mut­ter aber ei­nen ganz be­son­de­ren dies­mal!T&Savatarsm