05. Juli 1939

[390705-2-1]

O., am 5. Juli 1939.

Mein lieber [Roland]!

Reynolds-Puck
Joshua Reynolds, Puck, 1789, Gemälde, Bridgeman Art Library, [Public domain], via Wikimedia Commons
Wirst Du wohl heute das kleine nackte Elfenkind in empfang genommen haben? Diese paar Worte an Dich, das war am Montag ziemlich meine ganze Arbeit zu Hause. Um sieben bin ich in[‚]s Bett. Ach Du! Ich war zum Umfallen müde und matt. Damit ist aber nicht gesagt, daß ich nun verdrießlich gewesen wäre — o nein — bei der Erinnerung an Dich und an die gemeinsam verlebten Stunden durchströmte mich ein so inniges Glücksgefühl. Weißt Du, womit ich es vergleichen könnte?: Ein Kranker hat die Krisis überwunden und geht nun mit einem wohligen Mattigkeitsgefühl seiner Genesung entgegen. Ich war vom langen Warten, vor Sehnsucht nach Dir krank — endlich kam der Tag an dem ich bei Dir sein konnte, an dem wir uns recht liebhaben durften. Wie glühend sehnte ich die Stunde herbei in den Tagen vorher — und dann, als wir uns gegenüber standen empfanden wir beide: Wir waren vom Warten schon so müde geworden und sahen es sich vielleicht nicht so erfüllen, wie in unseren Träumen vorher. weiterlesen!