10. Juni 1939

[390610-​1-​1]

L. am 5. Juni 1939.

Am Mon­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Der er­s­te Schul­tag ist vor­bei. Beihnahe gleich­gül­tig, im ge­wohn­ten Glei­se ge­hend, tat ich mei­ne Ar­beit. Sie er­scheint mir so un­be­deu­tend und glanz­los ge­gen das, was wir er­leb­ten. Nun scheint doch wie­der die Son­ne — und Du bist nicht bei mir, bist so weit weg von mir! Fast bin ich er­schro­cken über mei­ne Au­gen, als ich vor­hin in den Spie­gel sah. Sie glän­zen un­heim­li­ch und dun­kel und ab­we­send und su­chend. Du! Was sie al­les schau­ten und tran­ken, und wo­mit sie sich füll­ten in die­sen Ta­gen! Und sie wer­den ja nicht ru­hen, bis sie all das Süße und Schö­ne wie­der­schau­en. Wei­ter­le­sen!