01. Dezember 1938

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L. am 1.12.1938

Lie­be [Hil­de]!

14 Tage sind fast dar­über ver­gan­gen, daß wir uns sa­hen. Die Ein­drü­cke ver­blas­sen. 14 Tage sind noch hin, ehe wir uns wie­der­se­hen. Da tre­ten die Brie­fe wie­der in ihre Rech­te. Es ist et­was Ei­ge­nes um so ei­nen Brief. Da hal­te ich die Bo­gen in Hän­den, die vor­her in Ih­rer Hand wa­ren. Da lese ich die Zei­chen von Ih­rer Hand. Mei­ne Au­gen glei­ten dar­über, wie Ihre Au­gen dar­über­ge­glit­ten sind, prü­fend, wie sie sich aus­neh­men und ob sie auch aus­rich­ten, was sie sol­len. Und nun ent­zif­fe­re ich den Sinn, lese Ihre Ge­dan­ken, lese in Ih­ren Ge­dan­ken, und zwi­schen den Wor­t­en und Zei­len schwin­gen — bei­na­he das Wich­tigs­te — die man­cher­lei Emp­fin­dun­gen, die im Le­ser die näm­li­chen und ent­spre­chen­den Emp­fin­dun­gen we­cken.

Heu­te er­hielt ich Ih­ren lan­gen Brief, 3 Bo­gen, was hat Sie so­viel zu schrei­ben?

Er weck­te selt­sa­me Ge­dan­ken. Ich wäre un­ehr­li­ch, wür­de ich sie ver­schwei­gen. Wei­ter­le­sen!