10. November 1938

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L. am 10. Nov. 1938.

Liebe [Hilde]!

Sie dürfen Ihren Beitrag zu uns[e]rer Freundschaft nicht gering achten. Liebe und Güte sind Tugenden des Herzens. Sie sind heute so selten. Überall regiert der kalte Verstand, der Vater des Zweifels. Auch ich bin der Liebe entwöhnt. Hart war ich oft gegen mich selbst. Hart macht unser Beruf, auch der Bruder klagt darüber. Jahrelang schon bin ich auf mich selbst gestellt, ich freunde mich nicht leicht jemandem an, die meiste Zeit bin ich auf mich selbst angewiesen. Was Wunder, wenn es mir nicht gleich gelingen will, mich einem Menschen von Herzen zu widmen? Lassen Sie mich nicht so leicht los und verzagen Sie nicht so leicht, wenn ich mich wieder einmal verschließe und zurückziehe. Liebe werkt Zutrauen. Glauben Sie, ich hätte einem liebearmen, verstandeskühlen Mädchen meine geheimen Gedanken so schlicht und ernst anvertrauen können? Niemals. In dem Maße, in dem der Verstand über den Menschen Herrschaft gewinnt, verkümmern Herz und Gemüt. Ich glaube, daß mein ganzer Mensch sich ein wenig modelt an der Seite einer lieben Frau, daß er sich ändert und löst zu seinem Gewinn. Weiterlesen!