29. November 1938

Anton Günther ca. 1930, Fofo von Franz Landgraf, Zwickau, Quelle: René Röder, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portr%C3%A4t_Anton_G%C3%BCnther_um_1930.jpg, herunterladen Okt. 2013
An­ton Gün­ther ca. 1930, Fofo von Franz Land­graf, Zwi­ckau, Quel­le: René Rö­der, http://​com​mons​.wi​ki​me​dia​.org/​w​i​k​i​/​F​ile: Portr%C3%A4t_Anton_G%C3%BCnther_um_1930.jpg, her­un­ter­la­den Okt. 2013

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O., am 27. No­vem­ber 1938.

am 29. No­vem­ber 1938.

Lie­ber [Ro­land]!

Man möch­te mei­nen, ein Sonn­tag sei wie der an­de­re, aber dem ist nicht so. Die Sonn­ta­ge ha­ben ihr ei­ge­nes Ge­sicht wie die Jah­res­zei­ten. Ein Früh­lings­sonn­tag ist an­ders als ein Sonn­tag im Herbst. Ich den­ke an den vo­ri­gen, den To­ten­sonn­tag — er läßt sich doch so gar nicht ver­glei­chen mit ei­nem Os­ter­sonn­tag, vol­ler Auf­er­ste­hungs­freu­de.

Und heu­te fei­ern wir den ers­ten Ad­vents­sonn­tag. Es ist uns, als sei die Welt ver­wan­delt, als sei es nicht mehr so dun­kel. Als sei wie heu­te in der Kir­che und am Ad­vents­kranz, auch in unser[e]m Her­zen ein Licht an­ge­zün­det wor­den. Be­rei­tet euch vor, zün­det ein Licht in eu­rem Her­zen an und tragt die Hoff­nung des Ad­vents in eu­rer See­le!” Ähn­lich so wa­ren die Ge­dan­ken, die am heu­ti­gen Sonn­tag uns der Geist­li­che in sei­ner Pre­digt na­he­leg­te [sic]. Wei­ter­le­sen!

23. November 1938

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O., am 23. No­vem­ber 1938.

Lie­ber [Ro­land]!

Heu­te am Mitt­woch, dem Tag, der Ih­nen lieb ist, will ich Ih­nen schrei­ben. Ich bin am Sonn­tag, abends kurz nach 1/​2 8 Uhr wie­der gut in O. an­ge­kom­men. Die El­tern freu­ten sich, daß sie den Tag nicht al­lein be­schlie­ßen muß­ten. Nach dem Abend­brot sa­ßen wir noch ein Stünd­chen bei­sam­men und ich hab[‚] ein bis­sel er­zählt von unser[e]m schö­nen Aus­flug und auch vom Thea­ter und vom Mu­se­um. Vorm Ein­schla­fen hab[‚] ich noch lan­ge an Sie ge­dacht — 10 hör­te ich es noch schla­gen vom Kirch­tur­me; doch dann for­der­te der Schlaf sein Recht.   Wei­ter­le­sen!

21. November 1938

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L. am 21. 11. 1938.

am Mon­tag

Lie­be [Hil­de]!

Ein we­nig trau­rig bin ich heu­te. Wie flüch­tig sind doch ein paar schö­ne Stun­den. Ich möch­te gern dem gest­ri­gen Tage nachträu­men und mein Herz aus­schwin­gen las­sen. Al­les ist mir zu­wi­der und stört mich. Ein we­nig müde bin ich auch noch. Daß ich al­lein bin, emp­fin­de ich heu­te dop­pelt. Wie weit sind wir von­ein­an­der ent­fernt. Aber das soll uns nicht mut­los ma­chen. 11 schlug es vom Tur­me, als ich heim­kam. Es blies ein fri­scher Wind. Der Him­mel war be­deckt. Ich such­te nach den Ster­nen — nicht um­sonst. Bis Dres­den hat­te ich ein [g]anzes Ab­teil für mich — ich war so froh, habe das Licht aus­ge­löscht und träum­te hin­aus in die Nacht. Sie hat­ten sich so schön ge­macht für mich — lie­be, gute [Hil­de] — schon im­mer, wenn wir uns tra­fen. Habe ich auch ein we­nig Freu­de und Dank er­ken­nen las­sen?

Nun weiß ich erst recht, wie grau­sam es war, daß Sie am letz­ten Male so trau­rig nach Hau­se fah­ren muß­ten. Wei­ter­le­sen!

17. November 1938

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L. am 17. No­vem­ber 1938.

Lie­be [Hil­de]!

Vie­len Dank für Ihre Brie­fe. Seit ich mir über­legt habe, wie we­nig Zeit Ih­nen bleibt, ei­nen Brief zu schrei­ben, un­ge­stört zu schrei­ben, rech­ne ich Sie sie [sic] Ih­nen dop­pelt.

Was Sie abends fort­schi­cken, er­reicht mich re­gu­lär am über­nächs­ten Tag früh. Wenn ich es ab­ho­le, wie heu­te, Nach­mit­tag des nächs­ten Ta­ges. Eben lese ich aus dem Stem­pel, daß Sie den Brief erst heu­te mor­gen in den Kas­ten ge­steckt ha­ben, jetzt ist er schon in mei­nen Hän­den. Ihre Kar­te lag auf mei­nem Tisch, als ich ges­tern abend ge­gen ¼ 8 zu­rück­kehr­te. 8 Stun­den lag ich auf der Bahn, trotz­dem brach­te die Rei­se in­ne­ren Ge­winn. Wenn man Ab­stand nimmt von ei­ner Ar­beit, sieht man man­ches mehr und an­ders als aus der Nähe. Der Wech­sel des Or­tes, des Schau­plat­zes, macht mich schnell in­ner­lich frei und lo­cker. Das be­ob­ach­te ich schon bei dem Wech­sel von Schu­le und Zu­hau­se. Wei­ter­le­sen!

16. November 1938

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O., am 16. Nov. 1938.

Lie­ber [Ro­land]!

Drau­ßen herrscht un­freund­li­ches Wet­ter, sehr trü­be ist es — ein we­nig be­herrscht es so­gar mei­ne Stim­mung. Ich war heu­te nicht zum Got­tes­dienst, die Kan­to­rei hat auch nicht ge­sun­gen.

Jetzt hal­ten die El­tern noch Mit­tags­ru­he, mei­ne Ge­dan­ken sind bei Ih­nen. Ich be­fürch­te, daß Sie mei­ne Kar­te nicht mehr er­reich­te, das täte mir so leid.

Wie lan­ge doch die­se Un­stim­mig­keit nach­wirkt in uns. Es ist rüh­rend, wie Sie sich sor­gen und mü­hen, um mir das Herz zu er­leich­tern. Las­sen Sie mich noch­mals herz­lich dan­ken für Ih­ren letz­ten Brief. Er läßt mich wie­der hoff­nungs­vol­ler bli­cken in die Zu­kunft. Frei­lich wer­den noch vie­le Stei­ne auf unser[e]m Wege lie­gen, gro­ße und klei­ne. Doch wir wol­len sie mit Got­tes Hil­fe über­win­den, im Glau­ben an ein­an­der und im Glau­ben an die Stär­ke und das Gute in uns.

Las­sen wir nun das Trü­be hin­ter uns — freu­en wir uns des Kom­men­den. Sie ha­ben mich mit Ih­rer Hoff­nungs­freu­dig­keit an­ge­steckt: Es wird al­les wie­der gut wer­den. Wei­ter­le­sen!