11. August 1938

Friedrich Schubert, "An die Musik," Op. 88, No. 4, Facsimile W. Dahms, 1913, herunterladen Juli 2014 von http://en.wikipedia.org/wiki/An_die_Musik

L. am 11.8.1938

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Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

/​Das wa­ren ein paar schwe­re Tage. Uns[e]re Groß­mut­ter ist mit­ten aus ih­rem Sor­gen /​ und Schaf­fen ab­ge­ru­fen wor­den. Gott gab ihr ein gnä­di­ges Ende.

Briefauszug, S. 1
Brief­aus­zug, S. 1

Vo­ri­ge Wo­che ging ich ba­den, Diens­tag und Mitt­woch in B., Don­ners­tag und Frei­tag in G.. Groß­mut­ter zeig­te sich in den letz­ten Ta­gen mehr als sonst ab­ge­spannt, leg­te sich zu­wei­len nie­der und be­kam schwer Luft. Wir scho­ben es auf die Hit­ze. Frei­tag war sie schon früh 6 Uhr auf­ge­stan­den, hat­te Feu­er ge­macht, auf­ge­wa­schen und ging dann er­schöpft in ihre Kam­mer. Ich hat­te vor, ins Bad zu fah­ren und erst ge­gen Abend wie­der­zu­kom­men. Groß­mut­ter stöhn­te, so­daß mei­ne Mut­ter sag­te: Wenn das nicht bes­ser wird, muß ich nach dem Arzt schi­cken. Ich bin in­des­sen los­ge­fah­ren. Als ich abends nach Hau­se kam, lag Groß­mut­ter zu Bett, rang nach Luft, stöhn­te und klag­te über Leib­schmer­zen. Sie hat­te zu Mit­tag noch auf­ge­wa­schen, sich am Nach­mit­tag ge­legt und zeig­te Herz­angst und Atem­not, so­daß mei­ne Mut­ter nach dem Arzt schick­te. Der kam abends noch ein­mal, gab ihr 2 Sprit­zen, eine zur Herz­stär­kung, eine zur Be­ru­hi­gung. Bis früh 4 Uhr schlief sie dar­auf, dann be­gann sie wie­der zu wirt­schaf­ten. Und nun kam das Schwers­te, das Er­schüt­tern­de, das Furcht­ba­re: Groß­mut­ter hilf­los mit dem Le­ben rin­gen zu se­hen. Wir ha­ben sie fast nur stark ge­se­hen, sie ließ sich nicht wer­fen. Sie kann­te nur die Sor­ge um an­de­re, um uns En­kel zum[al]. Sie hat noch am Don­ners­tag ein Paar So­cken zu Ende ge­strickt. Sie soll­ten se­hen, mit wel­cher Lie­be und Sorg­sam­keit sie mich aus­ge­stat­tet hat. Da steht auf dem Bo­den eine Kom­mo­de, dar­in lie­gen sorg­sam ge­bün­delt und be­schrif­tet Som­mer­so­cken, Win­ter­so­cken, Ta­schen­tü­cher, Hem­den und was weiß ich sonst noch. Die­sel­be Ord­nung und Sorg­falt in mei­nen Kom­mo­den­fä­chern un­ten — und ei­fer­süch­tig wach­te sie dar­über, daß nie­mand an die­se Ord­nung tas­te­te.

Wei­ter­le­sen!