09. August 1938

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7.8.1938.

O., am 9. Au­gust 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Be­glei­tet mit Ih­ren bes­ten Wün­schen für den An­fang, be­trat ich am Mon­tag wie­der mein Ar­beits­feld. Ich muß sa­gen[,] er ist mir leicht ge­fal­len, der Start für ein gan­zes, lan­ges Jahr. Ers­tens übt die neue Um­ge­bung ein an­ge­neh­mes Ge­fühl auf mich aus. Wir Mä­dels sind jetzt für uns, in ei­nem hel­len, luf­ti­gen Saal mit 7 gro­ßen Fens­tern drin. Auf je­dem der Fens­ter steht ein Blu­me­n­asch mit Ge­wäch­sen ver­schie­dens­ter Art, de­ren Pfle­ge und Ge­dei­hen wir selbst über­wa­chen. Ja wir ha­ben uns vor­ge­nom­men[,] ein klei­nes Mus­ter­reich auf­zu­bau­en, un­ter dem Leit­spruch: Größ­te Sau­ber­keit.” Uns[e]re männ­li­chen We­sen sol­len stau­nen, so­bald sie mal bei uns ein­tre­ten. Ist ja al­les gut und schön, es fragt sich nur, ob die­ser Vor­satz von je­der auf­recht er­hal­ten wird! Das Schöns­te ist, daß ich al­les and[e]re im Rü­cken habe; wenn ich auf­se­he, bli­cke ich ge­ra­de hin­aus in den Gar­ten. Wenn der Herbst kommt und drau­ßen wird es bun­ter und bun­ter, bis zu­letzt die Bäu­me nackt und kahl da­ste­hen, so ist es noch nicht ein­sam. Dann hab[‘] ich freie Aus­sicht und kann im­mer den Zug be­ob­ach­ten. Sie dür­fen nicht den­ken, daß ich faul bin. Ich muß mich durch ir­gend et­was an­re­gen, muß be­ob­ach­ten, son­st hal­te ich[‘]s nicht aus. Man­che sit­zen da und star­ren im­mer­zu auf die Ma­schine, ich glau­be[,] dann wür­de das we­ni­ge mei­nes Geis­tes noch voll­ends ver­trock­nen. Wei­ter­le­sen!