23. Juni 1938

Briefauszug, Fahrplan
Brief­aus­zug, Fahr­plan

[380623-​1-​1]

21.6.38

L. am 23.6.1938

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Auch ich schied un­zu­frie­den. Es war eine kur­ze, über­eil­te Be­geg­nung. Ich war et­was ab­ge­hetzt, und ich fand Sie an­ge­grif­fen und ab­ge­spannt und un­ru­hig. Wir ha­ben uns kaum ein herz­li­ches Wort ge­sagt. Es lohnt gar nicht, wei­ter dar­über zu schrei­ben und nach­zu­den­ken.

Ich habe Ihre Ab­fahrt ab­ge­war­tet und be­ob­ach­tet, bin dann an der Elbe lang nach W., von da nach der Bas­tei ge­gan­gen. Müde und ziem­lich er­schöpft lang­te ich oben an und habe fast 2 Stun­den beim Kaf­fee auf der Elb­ter­ras­se ge­ses­sen. An­fangs war da ein tol­ler Be­trieb. So gern ich dem ein­fa­chen Mann das Rei­ten gön­ne, aber die­se Fahr­ten zu 50 und mehr, die­se Mas­sen­ab­füt­te­run­gen, die­se Rei­se­indus­trie, das ist ein be­trüb­li­ches Bild. Er­ho­ben und er­baut wer­den die­se Men­schen nicht. Ich habe Sie be­dau­ert und bin ge­wiß, daß auch Sie das Un­zu­läng­li­che die­ses Be­trie­bes schmerz­lich emp­fun­den ha­ben. Wo 50 Men­schen auf ein­mal auf­tref­fen, flie­gen alle wah­ren Freu­den. Durch den Am­sel­grund bin ich zu­rück nach R., Ei­sen­bahn und Auto brach­ten mich nach Hau­se. Am Sonn­tag war ich nur eben zum Nachmi[t]tagskaffee im B.. Wei­ter­le­sen!