01. März 1940

Fritz von Wille 0200

Fritz von Wille, Kerpen, Unterdorf mit Burgkapelle, 1907, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 03.2015.

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S. am 01. März, 1940

Herzallerliebste, meine liebe, liebe [Hilde]!

In dem Weltentheater, dessen Zuschauer ich bin von meinem Fenstersitz aus, steht noch immer die Winterkulisse, und augenblicklich läßt es der Regisseur schneien. Der Winter führt noch das Regiment: das wurde mir auch klar, als ich am Sonntag von höherer Warte ein größeres Stück Welt überschauen konnte. Es liegt noch viel, viel Schnee, der Kältevorrat ist noch groß, zum Frühling ist es noch ein Stück. Nur der Sonnenstand gemahnt an den nahenden Freudenbringer. Es werken diese Tage bei mir ganz eigene Erinnerungen. Weiterlesen!

28. Februar 1940

Bildungs- und Haushaltsschule zu Radeburg, Sachsen, 02.2015

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S. am 28. Februar 1940.

Herzallerliebste, meine liebe liebe [Hilde]!

Bildungs- und Haushaltsschule zu Radeburg, Sachsen, 02.2015

Bildungs- und Haushaltsschule zu Radeburg, Sachsen, 02.2015

Mittwoch ist. Du streckst mir Deine liebe Patschhand herüber, Herzliebes, und ich könnte nicht bis zum Sonnabend warten, Dir die meine zu reichen. Sei herzlich bedankt für Deinen Brief. Du! Lieberes könnte mir niemand schreiben. Daß Du Dich an mich lehnst und mir Dein Herz schenkst, Herzallerliebste, macht mich unsagbar glücklich. Weiterlesen!

26. Februar 1940

Rote Orchideen, Illustrierte Film-Kurier, 1938, http://www.rarefilmsandmore.com/de/rote-orchideen-1938#.VN1l5LDF_fY, 02.2015

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O., am 25. Februar 1940

Herzallerliebster, mein lieber, lieber [Roland]!

Ein herrlicher Sonntag ist heute, mit soviel Sonnenschein und blauem Himmel. Ach Du! Nun wird bestimmt richtiger Frühling – wie ich mich freue, dieses Jahr – ich kann es kaum noch erwarten, bis ich wieder mit Dir hineinwandern kann in die schöne, blühende Welt. Du!, wie die Vögel heute schon zwitschern und große, weiße Wolken ziehen am Himmel lang. Ich habe eine lange Weile am Fenster gestanden und ihnen zugesehen. Weiterlesen!

22. Februar 1940

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S. am 21. Februar 1940

HD41742ESO

HD 41742 (Zentrum) and HD 41700 (Oben Rechts), ein nahliegndes hierarchalisches viermaliges Sternsystem, 26. Juli 2013, 10:46:17, Quelle: Europäische Südsternwarte, Lizenz Creative Commons 4.0, 02.2015

Herzallerliebste, meine liebe, liebe [Hilde]!

Vielleicht habe ich Dich in Verlegenheit gebracht vor deinen Eltern, ich wollte doch nicht schreiben. Aber ich mußte mein Herz erleichtern, und nun ich die Zeilen in deinen Händen weiß, ist mir auch wirklich leichter. Man soll kein ängstlicher Rechner und Geizhals sein im Leben. Doch ohne Rechenschaft geht es auch nicht, und um den richtigen Kurs zu halten, muß man auch Rückwärts blicken. Wir fragen auch sonst allenthalben, ob es sich gelohnt hat. Weiterlesen!

12. Februar 1940

MolotovRibbentropStalin

Abschluss der Deutsch-Sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Der Vertrag wurde am 11. Februar 1940 überarbeitet. Quelle: U. S. National Archives & Records Administration, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 02.2012.

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O., am 11. Februar 1940

Herzallerliebster, mein lieber, lieber [Roland]!

Selten froh und voll innerer Glückseligkeit bin ich heute. Ich bin es doch sonst nur so, wenn Du bei mir bist, Liebster.

Du bist es, der mich so sehr glücklich macht, Du! Daß wir uns fanden – daß Du mein bist – daß wir uns einander beschenken dürfen mit unserer großen Liebe, die wir so lang schon bereit hielten, – keiner soll und darf uns daran hindern – Du!, vor diesem Geschehen stehe ich ergriffen und erlebe es wundergläubig. Um die Liebe muß etwas selten Wundersames, Schönes sein, so dachte und glaubte ich immer, wenn ich darüber las oder nachdachte. Weiterlesen!

09. Februar 1940

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S. am 9. Februar 1940.

Herzallerliebste, meine liebe, liebe [Hilde]!

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Henri de Toulouse-Lautrec, Die beiden Freundinnen, 1894, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 02.2015.

[400209-1-1]Deine Freundin. Einmal hab ich Dich gefragt, ob Du mir (einmal) etwas über deine Freundin schreiben wollest. Heute kann ich es sagen, es geschah mit Vorbedacht. Ich wollte deine Urteilsfähigkeit auf die Probe stellen und wollte sehen, nach welchen Wertmaßstäben Du den Dir nahestehenden Menschen beurteilst. Soviel ich mich besinne, bist Du dem ausgewichen. In deinem zweiten Brief an mich klagst Du mir ja, daß die Freundin Dich nicht versteht. Also war sie schon damals keine wahre Freundin. Frauen haben ein starkes Bedürfnis sich mitzuteilen und anzuvertrauen, Mädchen zumal in der Zeit, da sie mit dem starken Geschlecht Bekanntschaft machen. Weiterlesen!

07. Februar 1940

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S. am 5. Februar 1940.

Herzallerliebste, meine liebe, liebe [Hilde]!

Vor mir liegen 2 Stöße Hefte, dazu noch etliche andere Arbeit. Aber ich mag sie noch nicht anfassen. Meine Gedanken sind noch um Dich. Ich mag sie nicht stören. So kurz uns[e]re Begegnungen jetzt sein müssen, möchte man sich sagen, es ist schade um die Mühe, um das Geld. Aber dem ist nicht so. Jede uns[e]rer Begegnungen ist eine notwendige Station auf unserem gemeinsamen Weg. Das wird ganz deutlich, wenn ich an die gestrige denke. Herzliebes, ich bin so froh, daß ich bei Dir war, Du! So deutlich wie noch nie regte sich gestern beim Abschied der Wunsch, mit Dir nicht nur zu feiern und zu genießen, sondern auch zu bauen und zu streben. Weiterlesen!

6. Februar 1940

Fastnachtsvergnügen im Schwarzwald 1890

Gustav Heine, Fastnachtsvergnügen im Schwarzwald, 1890, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 02.2015.

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O., am Fastnachtstag 1940.

Herzallerliebster, mein lieber, lieber [Roland]!

Nun ist es schon der zweite Tag, daß Du fort bist. Ich war am Sonnabend und Sonntag so glücklich und froh und ruhig, weil Du bei mir warst. Ich weiß und ich fühle und erkenne es aus Deinem ganzen Wesen, wie lieb Du mich hast, und wie Du mir die Treue hältst. Du, Liebster! Kann ich das Dir jemals genug danken?

Ich hatte Angst vor den kommenden Tagen ohne Dich. Es war eine falsche Angst – ich habe ein gutes Gewissen – es war Angst vor dem Unbekannten, Ungewissen, daß meiner wartete; von dem ich nicht wußte, ob ein Schatten auf unser Glück fiel, durch die Unvorsichtigkeit meiner Freundin. Weiterlesen!

31. Januar 1940

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Georg Rab, Der Doktor, 1568, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 01.2015.

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O., am 31 Januar 1940

Herzallerliebster, mein lieber, lieber, [Roland], Du!

Du hast mir ja heute so große Freude bereitet, mit Deinem so lieben Brief! Es kam mir ganz unerwartet, und ich bin so froh und glücklich über das, was Du mir schreibst. Du, ich danke Dir!

Damit Du, Lieber ganz ohne Sorge sein sollst, will ich Dir gleich heute noch ein Zeichen geben.

Ich habe dir doch wohl nicht recht dummes Zeug geschrieben am Sonntag?, ich muß ein wenig Fieber gehabt haben — das fühlte ich erst am ander[e]n Tag deutlich, als ich wieder ganz klar war im Kopfe — ich war so ruhelos und durcheinander und ich hätte können kein Auge zu tun, wenn ich nicht den Brief an Dich fertig geschrieben haben würde. Weiterlesen!

29. Januar 1940

Johannes gumpp

Johannes Gumpp, Selbstbildnis, 1646, gemeinfrei über Wikimedia Commons, 01.2015.

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S. am 29. Januar 1940.

Herzallerliebste, meine liebe, liebe [Hilde]!

Bis gegen 9 Uhr habe ich gestern im Bett gelegen. Ich kam darauf zu sinnen, welchen Weg mein Leben bisher genommen hat. Dieser Weg ist so mannigfach verschlungen, hat soviel Seitenäste und Stationen, daß ich erstaune, und wenn ich mir die Bilder vergegenwärtige, so kommen mir manche eben nur noch wie Bilder vor, so fern und unwirklich. Und auf diesen Bildern sehe ich mich selbst, wie ich gewachsen bin. Ein Reisender kommt gewiß viel mehr herum und weiter hinaus. Aber ich war auf meinen Reisen doch überall gezwungen, länger Station zu machen, Menschen kennen zu lernen und meine Kraft anzusetzen. Jede neue Station mußte ich für einen neuen Mittelpunkt ansehen. Weiterlesen!